Wirtschaft & Frieden

12.08.2022

Noch nie zuvor gab es so viele humanitäre Katastrophen wie im Moment. Nie zuvor war das Leid so groß wie heute.

Frauen in traditionellen Gewändern füllen Löcher in der Straßen mit Steinen.

Ein Artikel von Anke Pahlenberg

Noch nie zuvor gab es so viele humanitäre Katastrophen wie im Moment. Nie zuvor war das Leid so groß wie heute. Und noch nie zuvor seit dem Ende des Kalten Krieges wurden so wenige Friedensabkommen geschlossen wie im vergangenen Jahr.

Über 274 Millionen Menschen weltweit werden dieses Jahr auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.

Mehr als 100 Millionen Menschen sind von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Hunger, Kriege und Konflikte breiten sich aus. Die ohnehin schon geplagten Regionen wurden umso härter von den Folgen der Klimakrise getroffen oder den Auswirkungen der Pandemie.

In den zehn Ländern mit den schlimmsten humanitären Katastrophen gab es in den vergangenen zehn Jahren fast ununterbrochen Krieg. Systemversagen und diplomatisches Versagen gehen in diesen Ländern Hand in Hand. Und anstatt Krisen zukünftig zu verhindern, werden sie auf globaler Ebene systematisch und permanent angeheizt.

Die Humanitäre Hilfe tut sich schwer damit, präventiv zu arbeiten, weil es einfach schon zu viel Leid gibt, um das man sich kümmern muss.

Zudem werden die Finanzmittel immer weiter gekürzt. Die Situationen verschärfen sich vielerorts und neue Kriege und Krisen entstehen. Dabei wäre es wichtig, endlich – auf globaler Ebene – umzudenken und gefährdete Regionen, aber auch sämtliche armen Länder und Schwellenländer zu stärken und zu ertüchtigen. Ihre Unabhängigkeit und ihre wirtschaftliche Stabilität sind Friedensgaranten. Dazu zählt mitunter auch ein Schuldenabbau bzw. -erlass und ein finanzpolitischer Neustart. Denn nur dann sind auch auf staatlicher Ebene zukunftsfähige Investitionen möglich und die notwendige finanzielle Emanzipation der Bevölkerung. Gerade der Globale Süden bedarf einer ökonomischen Erholung und Neuausrichtung.

Sudanesische Frau trägt ihr kleines Kind auf dem Arm, das in die Kamera blickt.

Die Investitionen in die Zukunft müssen menschen- und planetenfreundlicher werden.

Dafür ist es von enormer Bedeutung, dass die politischen Institutionen ihre globale Verantwortung erkennen und wahrnehmen. Momentan sind so viele Menschen auf der Flucht wie nie, und es werden immer mehr. Die meisten Geflüchteten können nie wieder nach Hause zurückkehren. Klimatische Veränderungen sind unter anderem Multiplikatoren von Krisen und wir sehen schon heute, wie ungeeignet das wirtschaftliche System ist, um auf spezifische Situationen zu reagieren. Alleine die Corona-Pandemie hat das gesamte Weltwirtschafssystem dramatisch geschwächt und Lieferketten unterbrochen.

Es ist an der Zeit, unseren westlichen Wohlstandsgedanken zu hinterfragen. Über kurz oder lang wird es notwendig Kompromisse einzugehen, weil das System kollabieren wird. Das Ungleichgewicht zwischen der westlichen Konsumkultur und Wohlstandswelt und dem Globalen Süden ist enorm. Aber auch bei uns klafft schon eine breite Lücke zwischen Arm und Reich, die immer größer wird.

Das durchschnittliche monatliche Einkommen in Äthiopien liegt zum Beispiel bei 65 Euro.

Dabei schwankt das Einkommen sehr stark, und es kann passieren, dass dieser Durchschnittswert nicht erreicht wird. Von 65 Euro kann man keine Familie ernähren, man hat wahrscheinlich prekäre Wohn,- Lebens- und Hygieneverhältnisse und auch der Zugang zur Bildung ist mehr als fraglich. Die Länder mit auffällig geringem Einkommen sind sehr oft Länder mit instabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Äthiopien liegt auf Rang 2 der Liste der weltweit schlimmsten Humanitären Katastrophen. Die traurige Führungsposition dieser Liste hat Afghanistan eingenommen, und Afghanistan ist auf der Liste des durchschnittlichen Einkommens auf dem letzten Platz, mit 34 Durchschnittseuro im Monat. Äthiopien belegt den vorletzten Platz. Ein Zusammenhang ist ablesbar.

Äthiopische Frauen in traditionellen Gewändern machen sich mit ihren Eseln auf den Weg zu Markt. Esel sind eine wichtige Säule in der Einkommenssicherung äthiopischer Pastoralisten.

© Henry Fuchs

Während ein Großteil der Weltbevölkerung ums tägliche Überleben kämpfen muss und in Armut lebt, spekuliert ein verschwindend kleiner Teil zum Beispiel über Lebensmittel.

Was früher eine traditionelle Ernteabsicherung war, ist heute ein Geschäft.

Zwischen 40% und 70% der Börsenteilnehmer*innen machten im März 2022 Weizen-Spekulantionen. In einer Zeit, in der Krieg in der Ukraine herrscht, der Weizenkornkammer der Welt. Mittlerweile wird mit einem Vielfachen der Jahresernte spekuliert. Und die Auswirkungen treffen, wie immer, die Armen. Denn sie schlagen sich in teuren Lebensmittelpreisen im Supermarkt nieder.

Wir benötigen dringend mehr Regulation und eine Transformation des Wirtschafts- und Finanzsystems, das sich am Wohl des Menschen orientieren muss und nicht am Wohl der Börse und der Banken. Die Finanzwelt hat den Blick nach draußen verloren und dreht sich in erster Linie um sich selbst. Über 70% der Arbeit der europäischen Banken sind nicht auf die Realwirtschaft ausgerichtet. Das sorgt für immer wiederkehrende Krisen und führt dazu, dass in Zeiten wirtschaftlicher Instabilität, wie beispielsweise während der Pandemie, trotzdem viele Finanzakteure profitieren. Das tut weder der Wirtschaft gut noch der Gesellschaft.

An den Finanzmärkten wird unsere Gegenwart und unsere Zukunft verhandelt.

Was wir brauchen, ist eine Finanzwelt und eine Wirtschaftsform, die wieder ins Gemeinwohl investiert. Wir benötigen neue Rahmenbedingungen für eine Verbesserung der Lebenssituationen im Großen wie im Kleinen. Als Verband Vétérinaires Sans Frontières International verknüpfen wir in unseren Projekten viele strukturelle Punkte miteinander und setzen damit eine Verzahnung in Gang. Somit wird sowohl eine nachhaltig finanzielle Sicherheit gefördert als auch die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen herbeigeführt. Doch auch wenn diese Projekte erfolgreich sind, bleibt der Erfolg fragil. Denn es braucht nur eine weitere Krise, egal welcher Natur, die diesen Erfolg wieder erschüttert oder sogar zum Einstürzen bringt. Und das bedeutet wieder: Hunger und Not leiden. Für die Humanitäre Hilfe ist es von enormer Bedeutung, dass sowohl die regionalen Projekte und Strukturen gefördert werden als auch die großen Rahmenbedingungen politisch verändert werden. Die Weltgemeinschaft muss sich für die Welt verantwortlich fühlen, sonst werden die unsicheren Regionen noch unsicherer und die lebensfeindlichen Wirtschaftszweige weiterhin gestärkt. Dem steigenden Trend von wachsenden humanitären Katastrophen muss ein Ende gesetzt werden. Aus der Katastrophe muss der Weg hinaus, nach vorne, beschritten werden. Und das geht nicht ohne einen finanzpolitischen Neustart und eine wirtschaftliche Neuausrichtung. Denn der abgedroschene Spruch gilt immer noch: Geld regiert die Welt.

Die Investitionen in die Zukunft müssen menschen- und planetenfreundlicher werden.

Ihre Spende macht einen Unterschied!

Frau in traditionellem sudanesischen Gewand und vielen bunten Ketten um den Hals balanciert eine Schale mit Steinen auf dem Kopf mit denen sie ihr Einkommen sichert.

Weitere Meldungen