Nachbericht: One Health Day 2022

22.05.2024

Das post-antibiotische Zeitalter? Ein transdisziplinärer Dialog.

Am 7. November 2022 veranstalteten Tierärzte ohne Grenzen e.V. (ToGeV) gemeinsam mit Malteser International (MI) anlässlich des internationalen One Health Days eine transdisziplinäre Fachtagung und brachten Interessent*innen und Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen und Fachbereichen zusammen, um sektorübergreifend über Antimikrobielle Resistenzen (AMR) zu sprechen. AMR stellt mittlerweile eine zentrale Herausforderung in der globalen Gesundheit dar und ist ein prototypisches One Health-Problem, da Menschen, Tieren und die Umwelt gleichermaßen betroffen und gefährdet sind.

Keynote PStin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Dr. Ophelia Nick, MdB, „Gemeinsam für die Gesundheit von morgen: globale und nationale Strategien gegen Antibiotikaresistenzen“

Im Anschluss an die Eröffnung des Events durch Prof. Dr. Norbert Mencke (Vorstandsvorsitzender ToGeV) und Clemens Graf von Mirbach-Harff (Generalsekretär MI) leitete PStin Dr. Ophelia Nick (promovierte Veterinärmedizinerin) mit einer Keynote in den fachlichen Teil der Veranstaltung über.

PStin Dr. Ophelia Nick umriss das Thema AMR mit besonderem Fokus auf die nun in die Strategien der Bundesregierung implementierten Ansätze des One Health-Konzeptes und sprach ebenfalls über die Verantwortung der Landwirtschaft und der Großtierärzt*innen in Bezug auf den verantwortungsbewussten Umgang mit Antibiotika und anderen antimikrobiellen Wirkstoffen.

Dr. Anja von Laer, Robert Koch Institut, „Antimikrobielle Resistenz – eine globale Herausforderung“

Die thematische Einführung in den Bereich AMR übernahm Dr. Anja von Laer. In ihrem Vortrag stellte sie die AMRs allgemein, vor allem aber in Bezug auf die Humanmedizin vor. Anhand der Antibiotikaresistenz erklärte Frau von Laer die Entstehung und Weitergabe von Resistenzen und die globale Verbreitung dieser. Auch wurde die Häufigkeit der auftretenden Resistenzen in der Tierhaltung und den globalen, nicht gleich verteilten, humanen Antibiotikaverbrauch thematisiert. Zudem wurde der Ausblick in die Kooperationen zur Bekämpfung der AMRs seitens RKI und weltweiten Partnern dargestellt. Die Folien zur Präsentation von Dr. von Laer finden Sie hier.

Podiumsdiskussion AMR & One Health

Auf die fachliche Einführung durch Dr. von Laer folgten drei Kurzvorträge, die das Thema AMR aus veterinär- bzw. humanmedizinischer Perspektive sowie aus der Sichtweise der Umweltwissenschaften beleuchteten.

Perspektive Veterinärmedizin: Prof. Dr. Sonja Bröer, Freie Universität Berlin, „Die Tiermedizin im Spannungsfeld AMR“

Frau Prof. Bröer zeigte in ihrem Vortrag kritisch auf, inwiefern Tiermediziner*innen hinsichtlich AMR in einem Spannungsfeld agieren, in dem die Erwartungen der Verbraucher*innen und Tierhalter*innen zusammenlaufen und nicht selten kollidieren. Prof. Bröer umriss zudem die gegenwärtige gesetzliche Entwicklung in Deutschland und Europa und wagte einen Ausblick in die Zukunft mit dem Appell an Human- und Tiermedizin, gemeinsam und nicht gegeneinander, einen Weg zu finden, die Wirkung lebenswichtiger Therapeutika zu erhalten. Die Folien zur Präsentation von Prof. Bröer finden Sie hier.

Perspektive Humanmedizin: Dr. Peter Schmitz, Uni Bonn, „AMR in der Humanmedizin: eine globale Bedrohung und mögliche Maßnahmen“

Dr. Peter Schmitz sprach über die allgemein bekannte Problematik der AMRs in der Humanmedizin und die dabei fehlende Umsetzung von Maßnahmen zur Vermeidung und Eindämmung der Resistenzentwicklung. Im Fokus standen die globalen Zusammenhänge der Resistenzen in Bezug auf die Herstellung von Antibiotika und die damit einhergehende hohe Resistenzlage in den Produktionsgebieten. Dr. Schmitz betonte, dass die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teildisziplinen weiter ausgebaut werden sollte und, dass es genügend wirksame Lösungen gäbe, aber der Schlüssel nun in der Umsetzung der Maßnahmen liege, vor allem der Surveillance und Diagnostik, die insbesondere in LMICs stärker unterstützt werden muss.

Perspektive Umwelt: Dr. Kathi Westphal-Settele, Bundesumweltamt, „Die Umwelt – ein Reservoir für Antibiotikaresistenzen“

Dr. Westphal-Settele stellte in ihrem Vortrag eine oft nachrangig thematisierte Komponente von AMR (und One Health) vor: die Umwelt. Die Referentin präsentierte Eintragsquellen für Antibiotika in die Umwelt und beschrieb die Funktion der Umwelt als Reservoir und Vektor für AMR und daraus resultierende Gefährdung für Menschen und Tiere. Ferner zeigte Dr. Westphal auf, dass in die Umwelt eingetragene antimikrobielle Wirkstoffe auch eine toxische Wirkung auf nicht pathogene Organismen und Ökosysteme haben können. Die begrenzte Verfügbarkeit aussagekräftiger Studien und Daten zur Rolle und Ausbreitung antimikrobieller Substanzen in der Umwelt beschrieb die Referentin als ein Problem, das es dringend zu lösen gilt. Die Folien zur Präsentation von Dr. Westphal-Settele finden Sie hier.

Im Anschluss an die Kurzvorträge, eröffnete das Moderationsteam um Kathrin Münker (Head of Communications, MI) sowie Dr. Igor Pilawski (Referent für One Health & Scientific Affairs, ToGeV) die Podiumsdiskussion in der sich Prof. Bröer, Dr. Schmitz sowie Dr. Westphal-Settele den Fragen aus dem analogen und virtuellen Auditorium stellten. Thematisiert wurde u.a. die (un-)kritische Anwendung und Verschreibung antimikrobieller Substanzen in Human- und Veterinärmedizin sowie die Frage nach dem restriktiven Umgang mit sog. Reserveantibiotika („Humanvorbehalt“). Auch ein kontroverses Alleinstellungsmerkmal der Tiermedizin, das Dispensierrecht, wurde mitsamt seinen Vor- und Nachteilen in einer lebendigen Diskussion zwischen Podium und Zuhörer*innen kommuniziert, ebenso wie Einflussfaktoren (bspw. Kläranlagen) auf den Eintrag von antimikrobiellen Wirkstoffen in die Umwelt. Weitere kritische Nachfragen bezogen sich auf das Fehlen einer systematischen Erfassung der Antibiotika-Verschreibungen im ambulanten Bereich in der Humanmedizin oder inwiefern die Anwendung von antimikrobiellen Wirkstoffen in der Tiermedizin häufig die Konsequenz der industriellen Tierhaltung ist.

 

Dr. Kristina Rösel, International Livestock Research Institute (ILRI), Nairobi, “AMR ist mehr als nur Antibiotikaresistenzen: Zwei Beispiele aus Ostafrika”

Im Verlauf des Abends wurde mehrfach betont, dass AMR nicht nur Antibiotika, also antibakterielle Wirkstoffe, umfasst. Dr. Rösel verdeutlichte dies an zwei Beispielen aus ihrer Arbeit in Ostafrika: Die Referentin zeigte einerseits auf, wie Resistenzen gegen Akarizide (Substanzen zur Bekämpfung von Zecken oder Milben), die Ausbreitung des sog. Ostenküstenfiebers, einer durch Zecken übertragenen Infektionskrankheit begünstigen. Zudem stellte Dr. Rösel die Erkenntnisse einer aktuellen Studie des ILRI vor, die die Zweckentfremdung lebenswichtiger HIV-Medikamente als Hilfsmittel in der Schweinemast in Uganda beschreibt, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Resistenzen gegen antiretrovirale (HIV-)Medikamente. Die Folien zur Präsentation von Dr. Rösel finden Sie hier.

Schlussworte

Roland Hansen, Leiter der Afrikaabteilung und Focal Point One Health von MI, schließt die Diskussion ab mit einem Dank für die sehr spannende und technisch hochwertige Diskussion um die Bedeutung von AMR und die Ansätze zu ihrer Eindämmung in den drei Sektoren. Ergänzend erwähnt er, dass AMR und One Health insgesamt von der Bundesregierung und der Weltgemeinschaft nun als sehr wichtig angesehen werden, was auch die jüngste Rede von Bundeskanzler Scholz zur Eröffnung des World Health Summit in Berlin zum Ausdruck gebracht hat. Für MI sieht er auf jeden Fall die Aufgabe, sich weiter und mehr damit zu beschäftigen z.B. bei der Qualitätskontrolle bei der Medikamentenverschreibung. Er wünscht sich aber auch eine gemeinsame Weiterarbeit zu One Health – Themen mit ToGeV und idealerweise auch zusammen mit einer Umweltorganisation gerne auch in etwas größeren Formaten, als in einer Abendveranstaltung.

Dr. Genene Regassa, Tierarzt und Landesdirektor von Äthiopien für ToGeV, betont in seiner Abschlussrede die Wichtigkeit des One Health-Ansatzes im Rahmen der Projektarbeit des Vereins in seinem Heimatland aber auch in anderen Ländern am Horn von Afrika. Dr. Regassa sprach die Gefahren von AMR, insbesondere in pastoralen und agropastoralen Gemeinden, an und kritisierte den Mangel an gesetzlichen Regularien sowie Überwachungsmechanismen in Afrika. Fehlende Qualitätssicherung in der Herstellung sowie beim Import antimikrobieller Arzneimittel tragen maßgeblich zum Problem bei. Dr. Regassa unterstreicht die Notwendigkeit, weitreichende Aufklärungsmaßnahmen zu implementieren, um bspw. Fehlanwendung oder Zweckentfremdung vorzubeugen.

Teilnehmer*innen

Insgesamt nahmen etwa 50 Personen in Präsenz sowie weitere 120 virtuell teil.

Im Namen von Tierärzte ohne Grenzen und Malteser International bedanken wir uns bei allen Teilnehmer*innen und Referent*innen und freuen uns bereits auf den nächsten One Health Day im November 2023.

Der One Health Day 2022 wurde gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.