Nachbericht: One Health Day 2023

24.05.2024

One Health in Zeiten von Konflikten und Krisen

Redner:in und Zuhörende beim One Health Day 2023

Am 7. November 2023 veranstalteten Tierärzte ohne Grenzen e.V. (ToGeV) gemeinsam mit Help – Hilfe zur Selbsthilfe anlässlich des internationalen One Health Days eine transdisziplinäre Fachveranstaltung und brachten Interessent*innen und Expert*innen zusammen um über das Thema One Health in Zeiten von Konflikten zu sprechen.

Die Vorträge und Workshops widmeten sich der Fragestellung wie humanitäre Hilfe in Zeiten von Krisen und Konflikten funktionieren kann: Wie können wir unsere Aktivitäten der humanitären Hilfe für Frieden, Ernährung und Veterinärmedizin verbessern? Wie erhalten wir in Konfliktsituationen trotzdem Zugang zu den Regionen? Wie läuft die Zusammenarbeit mit unseren Partner*innen vor Ort? Wie können wir mit anderen deutschen und internationalen Organisationen noch besser zusammenarbeiten?

Vortrag: Krisenprävention für Mensch-Tier-Umwelt aus Sicht des BMZ
Mascha Kaddori, Tierärztin und Intensivpflegekraft, GIZ

Nach der Eröffnungsrede durch Christoph Hoffmann, (MdB, u.a. Vorstandsmitglied Help – Hilfe zur Selbsthilfe und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und Christian Griebenow (Geschäftsführer von Tierärzte ohne Grenzen e.V.) eröffnete Mascha Kaddori (Tierärztin und Intensivpflegekraft, GIZ) mit einem Vortrag über Krisenprävention für Mensch-Tier-Umwelt aus Sicht des BMZ den Abend.

Mascha Kaddori beim OHD 23

Mit Ihrem Thema umriss sie die Bedeutung der multi- und bilateralen Entwicklungszusammenarbeit und erörterte die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Aufbau von Strukturen in nachhaltigen Gesundheitssystemen zwischen Mensch und Tier, dem präventiven Krisenmanagement zur Risikominimierung von Infektionskrankheiten und Biodiversitätsverlust und der damit verbundenen Einbindung verschiedener Akteur*innen. Besonders kam auch der Fokus auf die Tragweite der wertebasierten Entwicklungszusammenarbeit hinsichtlich feministischer Entwicklungspolitik zum Ausdruck und die Möglichkeit damit, Ungleichheiten abzuschaffen und die Schlüsselfunktion von Frauen als Tierhalterinnen und die damit verbundene Relevanz der Lebensmittelsicherheit,- Vermarktung und Wasserversorgung, hervorzuheben.

Zum Abschluss stellte Frau Kaddori das Projekt der „International Alliance against Health Risks and Wildlife Trade“ der GIZ vor, eine Multi-Stakeholder-Allianz, die vermittelnd als Informations- und Austauschplattform zur Pandemieprävention an der Schnittstelle Mensch-Tier fungiert.

Keynote: Humanitäre Hilfe
Kayu Orellana Mardones, Leiter Berliner Büro von Help – Hilfe zur Selbsthilfe

Den Spagat zwischen der Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe schlug darauffolgend Kayu Orellana Mardones (Leiter Berliner Büro, Help – Hilfe zur Selbsthilfe und Referent für humanitäre Grundsatzfragen). Mit seinem Vortrag über die Arbeit von Help – Hilfe zur Selbsthilfe zur effektiven Soforthilfe bei Katastrophen und Bekämpfung von Armut und Hunger in Krisengebieten untermalte er die Bedeutung der Mensch-Tier-Beziehungen im Rahmen eines One Health Konzepts, zur gleichzeitigen Sicherstellung von humanitärer Hilfe und veterinärmedizinischer Betreuung der Tiere.

Besonders hinsichtlich der feministischen Entwicklungspolitik und dem aktuell erschwerten Zugang zu humanitärer Hilfe für Frauen in Krisengebieten, hob er dieses Thema durch interessanten Fallbeispiele in den Einsatzgebieten von Help hervor. Er betonte insbesondere die Wichtigkeit der Unterstützung von Tierhalterinnen als unverzichtbares Modell der Krisen- und Friedensprävention.

Workshop Reihe „World Café“

Beim „World Café“ wurden die Thematiken rund um das Thema One Health in Zeiten von Konflikten interdisziplinär mit den Teilnehmer*innen des One Health Days besprochen und erörtert.

Antonia Braus & Rickie Klingler, Referent*innen für One Health & Humanitäre Hilfe, Tierärzte Ohne Grenzen e.V., befassten sich mit der Fragestellung wie wichtig One Health für Ernährung, Klimaschutz und eine aktive Konfliktbewältigung ist.
Die Kernfragen umfassten die Sicherstellung der Viehhaltung für Pastoralist*innen und die damit verbundene Möglichkeit humanitäre Hilfe und Krisenprävention zu leisten. Die Teilnehmer*innen konnten proaktiv mitarbeiten und eruierten, wie wichtig Nutztiere für die Sicherheit von Menschen auf der Flucht sind und wie Viehhaltung auch dazu beiträgt, dass Menschen sicher und in einem besseren gesundheitlichen Zustand in Flüchtlingsunterkünften ankommen. Auch die Möglichkeit, mit erhaltenem Viehbestand weiterzuziehen und in Krisenzeiten das eigene Überleben zu sichern, wurde thematisiert.

Workshop mit Togev-Referent*innen Rickie Klingler und Antonia Braus

Dominika Schneider, Referentin für Landwirtschaft und Ernährung von Help – Hilfe zur Selbsthilfe, stellte ein One Health-Projekt in Syrien vor.
Ziele des Projektes waren: im Land wieder mehr Wissen z.B. über Impfungen, Prophylaxe, Herdenmanagement oder Krankheitserkennung aufzubauen, da es vor Ort aktuell keine Ausbildungsmöglichkeiten im tiermedizinischen Bereich gibt; Familien, die Nutztiere verloren haben, sollen wieder mit Tieren versorgt werden; Es sollen flächendeckende Impfungen durchgeführt sowie Mittel zur Behandlung von Ekto- und Endoparasiten und Mastitis oder Endometritis verteilt werden. Familien werden mit Futtermitteln, Saatgut, Dünger und Geräten versorgt. Help richtet digitale Medien ein, um Landwirt*innen die Möglichkeit zu geben, sich jederzeit mit Fragen zu melden und so die Betreuung durch ein veterinärmedizinisches Team sicherzustellen.

Workshop zu einem One Health-Projekt in Syrien mit Dominika Schneider

Dominika Schneider plädierte dafür, dass die Nutztierhaltung im globalen Süden weiter stark gefördert werden müsse, besonders vor dem Hintergrund dessen, dass durch die Krisensituation in Syrien der Sektor massiv eingebrochen und die Nutztierhaltung z.T. um 50% zurückgegangen sei und es zur massiven Ausbreitung von Seuchen und Tierkrankheiten kommt.

Tropenveterinär Dr. Wilhelm von Trott beleuchtete das Thema „One Health aus veterinärmedizinischer Sicht“ aus seinem Blickwinkel als ständiger Beobachter von UNEP und dem UN Habitat für Kenia.
Es wurde die Frage in den Raum gestellt, wie pastorale Lebensformen und Viehhaltung in Zeiten vermehrter Extremwetterverhältnisse, in Zukunft noch möglich seien oder ob über Alternativen nachgedacht werden müsse.
Dr. von Trott vertrat die Meinung, dass die Kluft zwischen pastoralen und urbanen Gemeinschaften nur durch einen One Health Ansatz überwunden werden können.

Workshop mit Tropenmediziner Wilhelm von Trott am OHD 23

Dabei seien Tierärzt*Innen in der Verantwortung, den Gesundheitszustand der Tiere so zu sichern, dass sie ohne Risiko zur Ernährung dienen können. Alles, was helfe, die Tiere gesund zu erhalten, helfe, die Menschen zu ernähren.
Mangelnde Lebensmittelsicherheit sei Ursache vieler Krisen und daher fördere ein Ausbau eben dieser eine Verbesserung der Stabilität.

Yanthe Nobel, Doktorandin am Helmholtz Institute for One Health (HIOH) in Greifswald, berichtete von ihren Erfahrungen über “One Health Research in a Conflict Setting”.
Sie machte darauf aufmerksam, dass gerade die Menschen in Krisengebieten weiterhin Unterstützung brauchen und One Health Initiativen auch dann stattfinden sollten, wenn damit ein erhöhtes Risiko für die Hilfeleistenden entstehen kann. Wichtig sei allerdings, vor Ort bereits auf etablierte Strukturen zurückgreifen zu können.

Kritisch wurde auch das Verständnis von One Health diskutiert: hierzu kam die Frage auf, ob One Health ein Buzzword der Politik sei, welches sich gut verkauft ohne dabei fundiert verstanden und umgesetzt zu werden.

Im Hinblick auf das Thema Pandemie würde vielerorts der Umgang gelebt: „We deal with it, when it‘s there again.“ Hinsichtlich Prevention, Preparedness and Response ist das kein verantwortungsvoller Ansatz. Preparedness and Response verfolgt das Ziel, die Planung für und das Management von epidemisch bedeutsamen Lagen zu unterstützen, zu stärken und aktiv weiter auszugestalten.

Der One Health Day Online

Auch digital gab es im Anschluss an die Input-Vorträge die Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion.

Solomiia Chopyk, External Relations Officer von Help Ukraine, nahm die Teilnehmer*innen mit hinein ins Thema: One Health in the midst of Conflict: Perspectives from Ukraine.

Die Hauptaufgabe dieses Projekts liegt darin, die Effekte des Kriegs auf die landwirtschaftliche Produktion zu minimieren und die Nahrungssicherstellung weiterhin zu gewährleisten. Durch die Hilfestellung durch Help für die lokalen landwirtschaftlichen Betriebe in Form von Sicherstellung von Personal, Vakzinen und Treibstoff kann so ein Kreis zur Nahrungssicherstellung geschlossen werden.

Als Referent für One Health von ToGeV stellte David Owino das Thema „One Health as Pillar of Peace in Eastern Africa“ vor.

Nach einer kurzen Einführung des Begriffs One Health als multisektoralen, transdisziplinären Ansatz zur Sicherstellung der Gesundheit von Mensch und Tier, ging er auf die Schnittstelle One Health und Friedensbildung ein. Mit drei Fallstudien erläuterte er die Thematik eingehender und beendete den Vortrag mit einem „Call to Action“ durch „Emphazising the One Health Tool für peace and Encouraging practitioners to consider One Health in their peacebuilding strategies and projects“.

Zum Abschluss berichtete Mario Younan, International Livestock Experte der FAO, über die aktuelle Tollwut-Situation in Nordwest-Syrien.

Die Inzidenz der erwarteten Tollwutfälle bei Menschen und Tieren im Land habe 2023 nach den Erdbeben und Krieg ein beispielloses Level erreicht und momentan sei dort keinerlei Tollwutdiagnostik verfügbar. Die jährliche Keulungskampagne der streunenden Hunde durch die syrische Regierung endete im Jahr 2011, wodurch die Straßenhundepopulation und damit die Fälle von Menschen, die von Hunden gebissen wurden, deutlich zugenommen haben.

Die FAO/WHO legt nahe, die Mittel für die Tollwutbekämpfung in Nordwestsyrien zu erhöhen, einschließlich der Ausstattung menschlicher Gesundheitszentren, Tollwutdiagnostik, Sensibilisierung und oraler Tollwutimpfung von streunenden Hunden in Tollwut-Hotspots. Diese Situation ist ein weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie Naturkatastrophen und Krieg den Wiederausbruch von tödlichen Seuchen begünstigen.

Schlussworte

Christian Griebenow (Geschäftsführer von Tierärzte ohne Grenzen e.V.) schloss den gelungenen und informativen Abend im Namen von Tierärzte ohne Grenzen e.V und Help – Hilfe zur Selbsthilfe mit einem Dank an allen Referent*innen und Organisator*innen ab und bedankte sich bei den Teilnehmer*innen für den bereichernden Austausch.

Teilnehmer*innen

Insgesamt nahmen etwa 60 Personen in Präsenz sowie weitere 30 Personen digital teil.

Im Namen von Tierärzte ohne Grenzen und Help – Hilfe zur Selbsthilfe bedanken wir uns bei allen Teilnehmer*innen und Referent*innen und freuen uns bereits auf den nächsten One Health Day im November 2024.

Der One Health Day 2023 wurde gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.