Warum impfen wir Hunde und nicht Menschen gegen Tollwut?

25.09.2022

Eine Frage, die uns im Rahmen unserer Arbeit in Ostafrika immer wieder gestellt wird.

In den meisten Ländern der Welt wurde die Tollwut durch konsequente Impfkampagnen sowie durch Aufklärungsarbeit erfolgreich bekämpft. Doch leider profitieren nicht alle von diesem Erfahrungsschatz an wirksamen Maßnahmen: Weltweit stirbt alle 9 Minuten ein Mensch an Tollwut! Insbesondere sind Menschen in Ländern des Globalen Südens betroffen; Afrika allein verzeichnet 21.000 jährliche Todesfälle. Aus diesem Grund führen wir seit fast 20 Jahren mithilfe der von Tierarztpraxen gespendeten Impfeinnahmen, Impfkampagnen in Ostafrika durch.

Doch wir werden immer wieder gefragt: Warum versucht ihr humane Tollwutfälle über die Impfung von Hunden zu verhindern?

Das hat mehrere Gründe. Beginnen wir mit der Erregerübertragung, des sicherlich wichtigsten Parameters in der Epidemiologie, also der Wissenschaftsdisziplin, die sich mit der Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung von Krankheiten befasst: Etwa 99% aller humanen Tollwutfälle in Ostafrika gehen auf den Biss eines infizierten Hundes zurück, der den Erreger über die Speicheldrüsen ausscheidet. Die Impfung von Hunden verhindert eine Infektion und die Weitergabe des Virus an den Menschen.

Zudem stellen Hunde das wichtigste Erregerreservoir für das Tollwutvirus dar. Wenn daher ein ausreichend großer Anteil der Hundepopulation geimpft ist – man spricht dabei von mindestens 70% – nimmt man dem Tollwutvirus seinen “Lebensraum” und erreicht eine Herdenimmunität. Ein weiterer Grund, warum die Impfung von Hunden die aussichtsreichere Vorgehensweise zur Eliminierung von Tollwut ist, sind die Kosten in Verbindung mit personellem und organisatorischem Aufwand.

Während etwa 55 Millionen Menschen Kenia ihr Zuhause nennen, leben in diesem ostafrikanischen Land “nur” ca. 5-6 Millionen Hunde.

Zudem können sich die Menschen in Ostafrika nicht auf die Postexpositionsprophylaxe (PEP) verlassen, also die Gabe von Tollwutantikörpern nach einem Hundebiss, um den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern. Die Kosten der PEP liegen je nach Land bei ca. 85 US$ und übersteigen damit nicht nur den Preis eines Hundeimpfstoffes um das nahezu 200-fache sondern bedeuten auch, dass diese Therapie für viele Menschen finanziell unerreichbar ist. Aber auch Zugang zu bzw. die Verfügbarkeit von PEP ist in Ostafrika häufig ein großes Hindernis, insbesondere für Menschen wie die Wanderviehhalter:innen, die in ländlichen und infrastrukturell unterentwickelten Gegenden leben. Gerade diese Menschen und v.a. ihre Kinder sind besonders gefährdet, da sie im Vergleich zur urbanen Bevölkerung sehr viel häufiger Hunde, bspw. als Hirten- oder Hütehunde, halten.

Das sagt die Wissenschaft:

Auch wissenschaftliche Studien, etwa von Jakob Zinsstag vom Swiss Tropical and Public Health Institute attestieren der Vakzinierung von Hunden eine hohe Effektivität in der Verhinderung humaner Todesfälle. Erhebungen der WHO bzw. der Bill & Melinda Gates Stiftung zeigten zudem eine direkte Korrelation zwischen humanen und caninen Tollwutfällen. Aufgrund der nachgewiesenen Effektivität betrachtet auch die „Tripartite“ aus WHO (Weltgesundheitsorganisation), OIE (Weltorganisation für Tiergesundheit) und FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) die Impfung von Hunden als das Mittel der Wahl zur Bekämpfung der humanen Tollwut. 

 

Author: Dr. Igor Pilawski, Referent für Veterinärmedizin & One Health bei Tierärzte ohne Grenzen e.V.

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