Blut an Kinderhänden

24.05.2024

Kindersoldat*innen kennen häufig nur den Krieg.


© Florian Schuh

Ein Artikel von Anke Pahlenberg

Rosina war 12 Jahre alt, als sie den ersten Menschen in ihrem Leben erschossen hat. Es war ein Erntearbeiter der sich ihr und der bewaffneten Gruppe, der sie sich angeschlossen hatte, in den Weg stellte.[1] Der Mann sprach mit einem gewissen Stolz und hatte die Gruppe aus Überzeugung an ihre Gegner verraten. Er wünschte ihnen allen den Tod. Für die Miliz war klar, dass der Mann sterben musste. Rosina war gerade neu in der Gruppe und ihr Anführer wollte ihre Loyalität prüfen. Sie zitterte vor Angst, doch als er das sah, schrie er sie an. Er schrie sie an, hob zum Schlag ausholend sein Gewehr und drohte ihr schließlich damit, sie umzubringen, wenn sie den Mann nicht töte. Rosina nahm sein Leben, um selbst am Leben zu bleiben.

Diesen ersten Mord wird sie nie vergessen…

Rosina ist eines von vielen Kindern, die sich selbst einer Miliz anschloss. Es war an einem Sommermorgen gegen fünf Uhr, als ihr Dorf von bewaffneten Männern überfallen wurde. Sie sah sie früh genug, weil sie sich gerade im Hof aufhielt. Rosina stieß einen Warnschrei aus und rannte um ihr Leben. Ihre Familie befand sich noch im Haus und war kurze Zeit später tot. Das gesamte Dorf wurde niedergebrannt, und Rosina war die einzige Überlebende. Sie schloss sich der gegnerischen Miliz an, die kurze Zeit später ins Dorf kam.

Den ersten Mord vergisst sie nie…

Das sagt auch Martha. Sie war 15 Jahre alt, als sie aus dem Krieg nach Hause zurückkehrte. Wie lange sie bei der Miliz war, wie viele dieser nicht enden wollenden Gewaltmärsche sie hinter sich gebracht hat, wie viele Menschen Opfer ihrer Miliz wurden, weiß sie nicht mehr. Wahrscheinlich war sie ungefähr zwei Jahre dort. Martha ist der Gruppe mit ihrer großen Schwester beigetreten, weil sie sich zu Hause nicht mehr sicher fühlten und sich nach dem Tod ihres Vaters auch nicht mehr versorgen konnten.

Infolge eines Waffenstillstands wurde Martha mit über tausend anderen Kindersoldat*innen aus der Armee entlassen. Sie kam nach Pibor und nahm dort an einem Intensivkurs teil, den ToGeV gemeinsam mit Unicef für ehemalige Kindersoldat*innen anbot. Ihre große Schwester ist zur nationalen Polizei gegangen. In drei Monaten hat Martha eine Basis-Ausbildung zur Automechanikerin gemacht und die Fahrschule besucht. Mittlerweile ist sie 23 Jahre alt und eine Hoffnungsträgerin für die Mädchen und Frauen in Pibor. Sie arbeitet als erste Frau der Stadt als Fahrerin für Unicef und kümmert sich mittlerweile um ihre alte Mutter. Sie ist stolz, dass das Geld, das sie erwirtschaftet, zum Leben reicht. Martha ist eine derjenigen, die es geschafft haben, den Schrecken der Vergangenheit hinter sich zu lassen und erfolgreich in ein ziviles Leben zurückzukehren. Das gelingt nicht allen ehemaligen Kindersoldat*innen. Viele von ihnen finden den Weg in ihre Familien oder einen Alltag nicht zurück.

Sie haben im Krieg alles verloren: ihre Eltern, ihre Familien, ihr Dorf, ihre Verwandten.

Gerade Mädchen fällt die Wiedereingliederung besonders schwer, weil sie oft andere Traumata erleiden als Jungen. Sie sind sowohl Teil der aktiven Kampfhandlungen und gleichzeitig der Gewalt innerhalb von Armeen ausgesetzt. Ihnen werden bestimmte, Frauen zugeschriebene, Aufgaben übertragen. Sie werden als Köchinnen, Trägerinnen, Wäscherinnen, Erntearbeiterinnen oder Sanitäterinnen eingesetzt. Außerdem setzt man sie in vielen Ländern auch als Selbstmordattentäterinnen ein, die sich auf öffentlichen Plätzen in die Luft jagen. Mädchen werden darüber hinaus gerne vorgeschickt, um neue Rekrut*innen zu akquirieren, ein sehr gefährlicher Job.

Neben diesen Aufgaben bleibt nicht aus, dass viele Mädchen und junge Frauen sexuell missbraucht werden. Sie werden nicht selten zwangsverheiratet und vergewaltigt. Das hat sowohl körperliche Auswirkungen auf die Mädchen, als auch psychische. Ihre Rekrutierung führt durch die Geburt von Kindern zur Abhängigkeiten von der Miliz oder, nach der Rückkehr oder Flucht, oft dauerhaft zu einem Ausschluss aus den vorherigen Lebensverhältnissen und Gemeinschaftsstrukturen. Die Geburt von Kindern infolge sexueller Gewalttaten bedarf für Mädchen im Südsudan oft einer bestimmten Reinigungszeremonie, doch sie sind auch danach noch Stigmatisierungen ausgesetzt. Neue Perspektiven zu erhalten ist daher für Mädchen oft besonders schwierig.

Kindersoldat*innen kennen häufig nur den Krieg. Sie kennen nur die Regeln der Gewalt. Sie haben sie angewandt und gleichsam unter ihnen gelitten.

Die meisten ehemaligen Kindersoldat*innen kommen schwer traumatisiert in die Zivilgesellschaft zurück und werden zum Teil auch nach ihrer Rückkehr als potentielle Täter*innen verfolgt. Sie haben oft in mehreren Gefechten gekämpft, lagen unter Beschuss und wurden Zeug*innen von Mord in allen denkbaren Formen. Sie wurden, gerade wenn sie lange Zeit als Kindersoldat*innen arbeiten mussten, psychisch gebrochen, haben auch im Alltag unter den Zuständen des militärischen Lebens gelitten, Nötigung, Zwang, Missbrauch und auch sexualisierte Gewalt täglich erlebt.

Rosina wurde im Lager wie eine Sklavin behandelt.

Sie war „Mädchen für alles“ und musste jederzeit verfügbar sein und allen Anforderungen gleichzeitig gerecht werden, wie sie später berichtet. Sie wurde geschlagen und getreten. Nach vier Monaten entschloss sie sich zur Flucht. Sie erklärte, dass sie sich erleichtern müsse, ging in den Wald und kam nie zurück. Rosinas Fluchtgeschichte endet glücklich. Irgendwann lief sie auf einem Feld einer arbeitenden Frau in die Arme. Sie war völlig kraftlos, hungrig und verstört. Die Frau nahm sie mit nach Hause, gab ihr etwas zu essen und wusch sie. Heute ist sie Rosinas Adoptivmutter. Sie ermöglichte dem Mädchen den Besuch einer Schule und kam so in eines unserer Reintegrationsprogramme. Rosina hat noch einen langen Weg vor sich. Sie leidet unter Angststörungen und wird jede Nacht von Alpträumen heimgesucht.

ToGeV und Unicef achten in den Wiedereingliederungsprogrammen ehemaliger Kindersoldat*innen darauf, dass sie von Psychotherapeut*innen vor Ort betreut werden. Es fällt den Kindern und jungen Erwachsenen nicht leicht, über das Erlebte zu sprechen.

Sie haben es nie gelernt und erleben von ihren Mitmenschen ausgrenzende Reaktionen, wenn sie erfahren, dass sie ehemalige Soldat*innen sind. Sie stellen, wenn sie sich trauen, den Kindern die empfindlichsten Fragen oft zuerst: Hast du einen Menschen getötet?

Rosinas Vergangenheit kennen nur die Wenigsten. Sie verheimlicht sie, vor allem gegenüber Gleichaltrigen. Rosina gibt sich Mühe, in ihrem neuen Zuhause Fuß zu fassen und ihre Mutter und die zwei neuen Adoptivgeschwister unterstützen sie, wo sie können. Doch Rosina fühlt sich einsam und alleine. Doch die Stunden mit den Psychotherapeut*innen werden ihr auf Dauer helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Aber im Moment ist die Angst noch übermächtig, die Angst, von den Söldnern wieder abgeholt und mitgenommen zu werden.

Vielen Kindern fehlt, während sie im Militär sind, die Zeit, sich mit erlebten Traumata zu beschäftigen. Nach einer Tötung folgt die nächste.

Nach einem langen Marsch folgt der nächste. Nach einer Beleidigung oder Bestrafung, kommt die nächste… Die ständige Beschäftigung mit dem eigenen Überleben lässt Kindern keine Kapazität, die Erlebnisse in irgendeiner Form zu verarbeiten und der Krieg tobt somit auch in ihnen, oft jahrelang, immer weiter.

Die Lage im Südsudan ist für die Kinder katastrophal.

Das Land gilt als eines der Länder, in denen die meisten Kindersoldat*innen überhaupt rekrutiert werden. Auch wenn es seit 2020 eine Übergangsregierung gibt, ist die Aussicht auf Frieden gering. Als humanitäre Hilfsorganisation setzen wir uns gemeinsam mit Unicef bei allen Konfliktparteien gleichsam dafür ein, Kindersoldat*innen zu befreien und zu beschützen. Die Kinder, die aus militanten Gruppen kommen, werden von uns mit Lebensmitteln sowie medizinisch versorgt und versucht wieder mit ihren Familien zusammengebracht zu werden. Mittlerweile sind knapp zwei Drittel der Gesamtbevölkerung im Südsudan von Hunger bedroht und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Neben den dauerhaften Auseinandersetzungen erleben die Südsudanes*innen regelmäßige Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen.

Der Krieg macht es vielen Familien unmöglich sich regelmäßig mit Nahrung zu versorgen und die Prognosen auf 2023 sind düster. Auch die militärischen Konfliktparteien erleiden in ihren Reihen natürlich ebenfalls Hunger. Die Situation war schon immer schlimm, aber wurde in den letzten Jahren noch schlimmer.

Emmanuel Jal, ebenfalls ein ehemaliger Kindersoldat, hat als Junge sogar Kannibalismus miterleben müssen. Auch er hat sich nach seiner Rückkehr in die Zivilgesellschaft nicht als ehemaliger Kindersoldat zu erkennen geblieben und seine Vergangenheit verschwiegen. Die Auswirkungen, die diese Erfahrungen und das Verdrängen mit sich bringen, bleiben oft ein Leben lang. In Emmanuels Fall hat seine Lehrerin irgendwann herausgefunden, was ihm widerfahren ist, und ihn vorsichtig in ihre Obhut genommen. Emmanuel hat am Ende einen Katalysator in der Musik gefunden. Über seine Songs kann er seine Geschichte zum Ausdruck bringen. Sie zu erzählen fällt ihm bis heute schwer.

Betroffene ehemalige Kindersoldat*innen brauchen oft jahrelange psychologisch begleitete Reintegrationsprogramme. Millionen Kinder kennen nichts anderes als Gewalt, Flucht, Vertreibung, Hunger und Tod. ToGeV und Unicef haben Orte ins Leben gerufen, die Kindern Sicherheit bieten sollen. Auch Programme, die sich explizit auf Ausbildungen und Schulungen für bestimmte Berufe konzentrieren. Die meisten ehemaligen Kindersoldat*innen haben noch nie eine Schule von innen gesehen. Sie haben die Möglichkeit Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und in einem Klassenzimmer mit Mitschüler*innen zusammen zu sein. In der Hauptstadt Juba gibt es seit 2018 ein eigenes Trainingszentrum für Berufsausbildungen. Hier werden vor allem praktische Ausbildungen angeboten, wie bestimmte Handwerksberufe, wie Schweißer*in, Mechaniker*in oder die Schneider*in. Hier kann man auch die Führerscheinprüfungen für Motorräder oder Autos ablegen, so wie Martha es getan hat.

Um der Wahrnehmung einer besonderen Bevorzugung von ehemaligen Kindersoldat*innen entgegenzuwirken, wählt ToGeV zusätzlich für alle ehemalige Kindersoldat*innen in gleicher Anzahl aus den gleichen Dörfern Kinder aus sozial schwächeren Familien aus. Dieser Ausgleich geschieht auf Basis des Vertrauens der Dorfbewohner*innen. Es ist die erklärte Aufgabe unseres Vereines, sich dieses Vertrauen in den Gemeinden aufzubauen und sie in unsere Arbeit mit einzubeziehen. Ohne die Akzeptanz der Menschen in den Dörfern würden unsere Maßnahmen und Programme nicht nachhaltig sein und im schlimmsten Fall für (weitere) Konflikte sorgen.

Die ehemaligen Kindersoldat*innen lernen gemeinsam mit anderen Kindern aus ihrer Gemeinschaft und kehren – verbunden mit einem tierischen Startkapital, das aus mehreren Ziegen oder Hühnern besteht – auch gemeinsam mit ihnen zurück in die zivile Gesellschaft.

Dass die Kinder unseres Programmes nicht mit leeren Händen zurück in die Dörfer kommen, ist für ihre Zukunft von immenser Bedeutung. Somit bereichern sie die Gemeinschaft, beteiligen sich im wahrsten Sinne des Wortes an ihrem Überleben und bringen darüber hinaus noch neu gelerntes Wissen mit. Emmanuel Jal sieht Bildung als wichtigstes Fundament einer friedlichen Zukunft. Heute setzt er sich für die Ertüchtigung der Kinder und Jugendlichen seines Landes ein, baut Schulen und Lernorte auf, und unterstützt Bildungsprogramme.

Auch Kaku hat eine erfolgreiche Wiedereingliederung mit Unterstützung von ToGeV und Unicef hinter sich gebracht und empfindet den Bildungsaspekt als entscheidend hinsichtlich seiner Zukunft. Er hatte sich mit 12 Jahren freiwillig einer militärischen Gruppe angeschlossen, um seine Familie zu beschützen. Sein Vater wurde ermordet und seine Mutter war mit ihm und seinen sieben Geschwistern gnadenlos überfordert. Kaku bereute seine Entscheidung schnell, weil er viele seiner Freunde hat sterben sehen müssen. Außerdem gehörte er zu denjenigen, die andere Kinder zwangsrekrutiert haben. Die Einsätze, an denen er teilgenommen hat, waren gefährlich und riskant. Drei Jahre war er in der Miliz, bevor er durch Hilfsorganisationen nach langen Verhandlungen befreit wurde. Danach wurde er von ToGeV und Unicef zunächst unterstützt, seine Familie wiederzufinden. Schließlich ging er mit nach Juba und gehörte dort zu fünfzig Teilnehmer*innen, die in ToGeVs Trainingszentrum eine Ausbildung machen konnten. Er machte einen Führerschein und wurde Schweißer und Elektroinstallateur. Danach erhielt er Unterstützung bei der Beantragung eines gültigen Ausweisdokumentes. Kaku kehrte nach Pibor zurück und arbeitet dort bis heute als Schweißer. Für seine Rückkehr erhielt er von ToGeV nicht nur die Ausbildung, sondern auch 3 Schafe und 5 Hühner, um nicht mit leeren Händen in seine Gemeinde zurückzukehren. Er hat sich mittlerweile auf die Herstellung von Betten, Türen und Fenster spezialisiert und gehört zu jenen Menschen, die wieder erfolgreich am gesellschaftlichen Zusammenleben teilnehmen können und die Vergangenheit hinter sich gelassen haben.

Als Kaku für ToGeV ein Interview gegeben hat lächelte er zum Schluss und sagt:

Ich bin ein erfolgreicher ehemaliger Kindersoldat. Ich verdiene jetzt genug Geld, um meine Mutter und meine Geschwister zu ernähren. Ich spare gerade sogar etwas Geld, weil ich wieder zur Schule gehen möchte und meine Fähigkeiten in der Mechanik ausbauen will. Ohne die Bemühungen von Unicef und ToGeV wäre ich wahrscheinlich schon vor langer Zeit gestorben und vergessen worden. – Kaku, ehem. Kindersoldat

[1] Im Folgenden wird der Begriff der bewaffneten Gruppe synonym mit Miliz und militärische oder militanter Gruppe verwendet. Gemeint sind ausschließlich bewaffnete, privat organisierte Gruppen, keine staatlich organisierten Armeen.

Quellen

 

Anlässlich des Red Hand Days 2023, des Welttags gegen den Einsatz von Kindersoldat*innen, veranstaltet ToGeV am 10. Februar 2023 eine Filmvorstellung mit anschließendem Paneltalk im Sputnik Kino in Berlin.

Mit Vertreter*innen verschiedener NGOs und politischer Institutionen sowie Expert*innen der psychologischen Perspektive wollen wir die Reintegration aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Außerdem zu Gast sein wird Esmael Tessema, ToGeVs Landesdirektor des Sudans, der spannende Einblicke in die Projektarbeit des Vereins geben sowie ein Video-Interview des ehemaligen Kindersoldaten Abu Baker Altom Hassan mitbringen wird. Im Anschluss an die Filmvorstellung und die Gesprächsrunde wird es Zeit für einen Austausch und Ausklang im Foyer des Kinos geben.

Zur Veranstaltung

Der Red Hand Day 2023 wurde gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.