Das war der One Health Day 2025

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Die Veranstaltung beleuchtete die Folgen von Dürre und Klimawandel – und zeigte, warum One Health zentrale Antworten auf globale Krisen liefert.

Die Orga- und Expert*innengruppe des One Health Day 2025

© Tierärzte ohne Grenzen

Am 4. November 2025 fand in Berlin der diesjährige One Health Day statt. Unter dem Titel „Wie viel Dürre erträgt die Wüste?“ luden Tierärzte ohne Grenzen e.V. und Ärzte der Welt e.V. dazu ein, die Auswirkungen des Klimawandels aus einer konsequenten One-Health-Perspektive zu beleuchten – und gemeinsam über Lösungsansätze an der Schnittstelle von Mensch, Tier und Umwelt zu diskutieren.

Ein Erdsystem unter Druck

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer eindrücklichen Keynote von Max Bürck-Gemassmer (Allgemeinmediziner und stellvertretender Vorsitzender von KLUG e.V.). Er zeichnete ein klares Bild vom kritischen Zustand des globalen Erdsystems: Sieben der neun planetaren Belastungsgrenzen gelten bereits als überschritten – darunter Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Landnutzungsänderungen, Süßwasserkreisläufe, biogeochemische Kreisläufe, menschengemachte Substanzen und Ozeanversauerung. Besonders alarmierend sei, dass der Kipppunkt für Korallenriffe bereits überschritten sei und ihr großflächiges Absterben nicht mehr aufzuhalten sei.

Die langfristigen Folgen dieser Entwicklungen sind gravierend: steigende Meeresspiegel, tauender Permafrost, eine Abschwächung der atlantischen Tiefenströmungen und eine weltweite Verschiebung von Klimazonen. Bürck-Gemassmer machte deutlich, dass das heutige Tempo der Veränderungen natürliche Anpassungsprozesse überfordert: Während sich das Klima in der Eiszeit um etwa ein Grad Celsius pro tausend Jahre erwärmte, geschieht dieselbe Erwärmung heute innerhalb von nur vierzig Jahren. Bei einer prognostizierten globalen Erwärmung von drei Grad bis 2050 drohen massive Lebensraumverluste und ganze Regionen könnten unbewohnbar werden.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Ausführungen lag auf der Klimagerechtigkeit. Zehn Prozent der reichsten Weltbevölkerung verursachen mehr als die Hälfte der konsumbasierten Emissionen. Bereits heute stehen rund 130 globale Konflikte in Zusammenhang mit Klimaungerechtigkeit. Besonders stark betroffen sind ärmere Länder, wie der Lancet Countdown zeigt. Trotz eines weltweit wachsenden Bewusstseins für die Notwendigkeit von Klimaschutz bleibt die Umsetzung bislang weit hinter dem Erforderlichen zurück.

Eröffnete die Veranstaltung: Keynote von Max Bürck-Gemassmer
Eröffnete die Veranstaltung: Max Bürck-Gemassmer
© Tierärzte ohne Grenzen
Keynote von Dr. Dorien Braam

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Klimawandel, Konflikte und Gesundheitsrisiken

Im Anschluss beleuchtete Dr. Dorien Braam (Direktorin von Praxis Labs Research & Consulting, LSHTM, sowie interdisziplinäre Forscherin und Beraterin u. a. für WHO und UN) die engen Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Konflikten und Gesundheit. Sie machte deutlich, dass insbesondere Länder, die von Katastrophen und bewaffneten Konflikten betroffen sind, ein erhöhtes Risiko für Zoonosen aufweisen.

Ein zentrales Problem: In Flüchtlingssituationen werden Tiere häufig nicht mitgedacht – obwohl sie für viele Menschen überlebenswichtig sind. Die Folge sind improvisierte Camps, in denen Mensch und Tier unter prekären Bedingungen zusammenleben, ohne ausreichende Ressourcen oder gesundheitliche Aufklärung. Dies erhöht das Risiko für Krankheitsübertragungen erheblich.

Besonders gefährdet sind pastoralistische Gemeinschaften, deren Lebensweise stark von (Im-)Mobilität geprägt ist. Dr. Braam schilderte ein Szenario zunehmender Dürren: Wassermangel führt zum Sterben von Tieren, zu Hunger, gesundheitlichen Problemen und wachsendem Konfliktpotenzial. Besonders betroffen sind Kinder unter fünf Jahren sowie Frauen. Ein Beispiel aus einer ländlichen Region Kenias verdeutlichte diese Dynamik: Wasserknappheit und extreme Hitze lassen Tiere verenden, verschlechtern die Ernährungslage, erhöhen die Belastung für Mütter und verschärfen Konflikte um verbleibende Ressourcen – mit Migration als oft letztem Ausweg.

Szenarioarbeit: Dürre als Katalysator von Krisen

Diese Entwicklungen wurden im anschließenden Szenario-Workshop weiter vertieft. Beschrieben wurde eine grenzübergreifende Trockengebietsregion, die von der schlimmsten Dürre seit über einem Jahrzehnt betroffen ist. Extreme Wasserknappheit, ausgetrocknete Flüsse und Weideflächen sowie massive Viehverluste führen zu steigender Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung – besonders bei Kleinkindern und schwangeren Frauen. Gleichzeitig nehmen Konflikte zwischen Gemeinden sowie zwischen Hirten und sesshaften Bauern um Wasser und Weideland zu.

Strukturelle Faktoren wie Überweidung, Abholzung und Landdegradation verschärfen die Situation zusätzlich und erhöhen das Risiko der Wüstenbildung. Behörden und humanitäre Akteure sind überlastet, koordinierte Maßnahmen bleiben aus. Die Lage spitzt sich rasch zu – und macht deutlich, dass ein umfassender, sektorübergreifender One-Health-Ansatz dringend erforderlich ist.

Die Teilnehmenden arbeiteten in stakeholder-spezifischen Gruppen – darunter lokale Gemeinschaften, internationale Geber, Wissenschaft und Politik – an Lösungsansätzen, die Mensch, Tier und Umwelt integrativ berücksichtigen.

Arbeit in Gruppen an einem Szenario

© Tierärzte ohne Grenzen

Perspektive der internationalen Geber

Die Arbeitsgruppe Internationale Geber/BMZ identifizierte dabei mehrere zentrale Handlungsfelder. Zunächst wurde die Bedeutung einer fundierten Analyse hervorgehoben. In fragilen Kontexten wird selten bei null begonnen: Auch dort existieren häufig lokale Strukturen oder zumindest Anknüpfungspunkte zu Verwaltungsbehörden, die für die Wiederherstellung staatlicher Handlungsfähigkeit und sozialer Kohäsion entscheidend sind. Eine präzise Analyse lokaler Akteure, institutioneller Landschaften und bestehender Initiativen ist daher unerlässlich. Lokale Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten frühzeitig eingebunden werden.

Darauf aufbauend wurde betont, wie wichtig lokale Perspektiven, Ownership und partizipative Entscheidungsprozesse sind. Vorhandenes Wissen müsse systematisch genutzt werden, während nationale Regierungen das Thema politisch aufgreifen und im Sinne guter Regierungsführung aktiv unterstützen sollten. In diesem Rahmen könne das BMZ eine flankierende, kapazitätsstärkende Rolle einnehmen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der ressort- und akteursübergreifenden Koordination. Vorgeschlagen wurde die Initiierung sogenannter Geber-Calls, um systematisch zu erfassen, welche Akteure über relevante Expertise verfügen, welche Programme bereits laufen und wo Kooperationspotenziale bestehen. Eine enge Abstimmung zwischen Gebern, internationalen Organisationen und lokalen Partnern wurde als zentral erachtet.

Abschließend wurde festgehalten, dass in einem solchen Szenario mehrjährige Finanzierungsansätze notwendig sind, um insbesondere grundlegende Infrastrukturmaßnahmen nachhaltig umzusetzen. Ein Planungshorizont von drei bis fünf Jahren wurde als sinnvoll angesehen, idealerweise eng verzahnt mit humanitärer Hilfe und Übergangshilfen. Strategische Partnerschaften – etwa zwischen BMZ und Auswärtigem Amt – könnten dabei eine wichtige Rolle spielen und Programme unter einem gemeinsamen Chapeau-Ansatz bündeln.

Der One Health Day 2025 hat deutlich gemacht: Klimakrise, Konflikte und Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden. Dürre ist kein isoliertes Umweltproblem, sondern ein zentraler Treiber von Hunger, Krankheit und Instabilität. Nur wenn Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam in den Blick genommen werden, lassen sich nachhaltige Lösungen entwickeln. One Health ist dabei kein abstraktes Konzept – sondern eine notwendige Handlungsstrategie für eine zunehmend fragile Welt.

Tierärzte ohne Grenzen e.V. und Ärzte der Welt e.V. danken allen Teilnehmenden und Unterstützer*innen für ihre wertvollen Beiträge und freuen sich darauf, die gewonnenen Erkenntnisse in zukünftige Projekte einfließen zu lassen.