Überfall auf das Guadiang-Viehlager im Südsudan

In den ländlichen Gebieten von Ostafrika ist das Leben der Menschen sehr eng mit ihren Tieren verbunden. Die meisten Menschen sind Wanderviehhirten, für die Nutztiere wie Rinder die Hauptnahrungsquelle sind. Ein Überfall auf ein Viehlager im Südsudan hatte verheerende Folgen.

© John Julian/VSF Canada

Situation

Nutztiere wie Rinder haben einen hohen kulturellen Stellenwert und sind Teil soziokultureller Praktiken wie der Mitgift beim Heiraten oder bei traditionellen Festivitäten. Zudem stellen sie eine finanzielle Absicherung der Familien dar ( „Geld auf Hufen“ ) und werden oft als Zahlungsmittel benutzt, da Bargeld in vielen Regionen nicht vorhanden ist. Als Teil des Erwachsenwerdens sind auch traditionell verankerte Viehdiebstähle nach wie vor keine Seltenheit im Südsudan.

Aus diesen Gründen wurde auch das Guadiang-Viehlager in Twic East County zu einem Schlachtfeld, als im November 2016 mehrere Viehdiebe in das Lager eindrangen und über 6.585 Rinder stahlen. Die Angreifer sollen fünf Menschen getötet und drei andere verletzt haben. Der Überfall betraf über 257 Haushalte, mit rund 1285 Personen und hatte verheerende Folgen.

Folgen

Neben den gestohlenen Tieren erlitten über 117 Rinder schlimme Einschusswunden, nur 42 überlebten. Außerdem verstarben 69 Kälber. Besonders Kleinkinder mussten durch die stark eingeschränkte Milchproduktion an Hunger leiden, was große gesundheitliche Komplikationen mit sich brachte.

Die Tiere sind für die Familien nicht nur wichtige Fleisch- und Milchlieferanten, sondern ein Hauptbestandteil ihrer wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit. Nach dem Überfall war folglich nicht nur die Hauptnahrungsquelle stark beeinträchtigt, sondern auch mögliche Zahlungsverpflichtungen und Mitgiftsteuern.

Sogar auf den Familienzusammenhalt hatte der Verlust der Tiere Auswirkungen. Oftmals wurden Familienmitglieder getrennt, nachdem sich wie im Fall von Rebecca Akoi ihr Mann nach dem Verlust seines Viehbestandes einen Job in einer anderen Stadt suchen musste. Auch seine beiden Söhne folgten ihm auf der Suche nach Arbeit gezwungenermaßen in die Stadt und beendeten ihre Schulzeit vorzeitig. Rebecca und ihre Töchter mussten bei Verwandten unterkommen. Andere Familien hingegen verließen ihre Heimat und ihre Felder aufgrund der Angst vor weiteren Angriffen.

Erfolgreiche Unterstützung durch das Team von Tierärzte ohne Grenzen e.V.

Um den Menschen nach dem schweren Verlust zu helfen, führte das Team von Tierärzte ohne Grenzen verschiedene Maßnahmen durch. Neben einer Erste-Hilfe-Versorgung der verletzten Tiere wurden Entwurmungen und Impfungen der verbliebenen Tiere durchgeführt, um den Bestand zu schützen und das Überleben von Mensch und Tier zu sichern.

Die Behandlungen sicherten nicht nur das Überleben von einem Großteil der behandelten Tiere, sondern steigerten die Gesundheit des Viehbestandes nachhaltig. Besonders die Milchproduktion konnte in vielen Fällen durch die Entwurmungen und Impfungen gesteigert werden, was besonders auf die Gesundheit der Kinder positive Auswirkungen hatte. Rinder erzielten durch ihre verbesserte Gesundheit teilweise doppelt so hohe Verkaufserlöse wie zuvor. Auch die Sterblichkeitsrate und die Anfälligkeit für Krankheiten sank bei den behandelten Tieren enorm. Durch den Einsatz von Tierärzte ohne Grenzen e.V. konnten nach der Krise nicht nur Tierleben gerettet werden. Vielen Menschen konnten dadurch verbesserte Lebensbedingungen ermöglicht werden.