Prof. Mettenleiter geht in unserem Interview davon aus, dass der Erreger SARS-CoV-2 aus einem tierischen Reservoir stammt.

Im Interview mit Tierärzte ohne Grenzen e.V. erklärt Prof. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, wie die COVID-19-Pandemie die Arbeit der Veterinärmediziner verändert hat, wie das Virus in den One Health-Kontext einzuordnen ist und welche Fortschritte die Forschung im Bereich der Empfänglichkeit von Tieren sowie der Entwicklung eines Impfstoffs für den Menschen ist.

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TOGEV: Guten Tag Professor Mettenleiter! Sie sind Molekularbiologe und Virologe mit einer Spezialisierung im Bereich der tierpathogenen Viren, also Viren, die im tierischen Organismus krankheitserregend wirken. Seit 1996 leiten Sie als Präsident das Friedrich-Loeffler-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, um uns im Kontext der COVID-19-Pandemie ein paar Fragen zu beantworten.

Prof. Mettenleiter: Sehr gerne.

TOGEV: Als erste Frage: Wie ist die COVID-19-Pandemie in den One Health-Kontext einzuordnen?

Prof. Thomas Mettenleiter: Ja, wir müssen davon ausgehen, dass der Erreger SARS-CoV-2 aus einem tierischen Reservoir stammt, und zwar vermutlich aus einer Fledermaus in China. Das heißt, wir haben hier schon den Kontakt Tier - Mensch, zwei der Säulen des One Health-Konzeptes und dadurch, dass es sich um ein Wildtier handelt, natürlich auch den dritten Bereich, nämlich die Umwelt. Es ist also wirklich ein klassischer One Health-Kontext, den wir hier betrachten.

TOGEV: Welche Rolle spielen deshalb Tierärzte in der COVID-19-Pandemie?

Prof. Thomas Mettenleiter: Nun, Tierärzte sehe ich in drei Bereichen jetzt besonders gefordert. Zum einen ist das der Bereich der Unterstützung der Humanmedizin. Es handelt sich ja um eine Pandemie und keine Panzootie[i]. Wobei die tierärztlichen Expertisen gerade im Bereich der Diagnostik, im Bereich der Epidemiologie sicherlich sehr nützlich sind und hilfreich auch für die Humanmedizin. Es ist ja in der Tat so, dass veterinärmedizinische Diagnostiklabore in der Bundesrepublik jetzt auch in die humanmedizinische Diagnostik mit einbezogen werden, einfach auch um die Kapazitäten zu schaffen. Gerade in der veterinärmedizinischen Diagnostik sind ja Reihenuntersuchungen, das heißt also Untersuchen von großen Probenzahlen gerade im Bereich der Tierseuchenüberwachung und in der Lebensmittelüberwachung, eher Routine, als die Ausnahme.

Der zweite Punkt, den ich sehe, ist die Forschung und da sind wir als Friedrich-Loeffler-Institut auch mitbeteiligt. Es ist eine Zoonose[ii], und wir fragen uns natürlich auch, welche Organismen außer dem Menschen können denn von diesem Erreger noch infiziert werden? Wir haben dazu Tierversuche begonnen. Wir konnten zeigen, dass z.B. Frettchen empfänglich sind und es gibt jetzt auch aus China Berichte, dass experimentell auch Katzen infizierbar sind und auch den Erreger weitergeben können. Das heißt hier wissen wir zwar noch nicht, wie wir das in der Epidemie oder Pandemie einschätzen sollen, weil es weltweit bisher keinerlei Hinweise gibt, dass Haustiere oder Nutztiere bei der Pandemie eine epidemiologische Rolle spielen, aber das Faktum besteht natürlich. Es gibt auch zwei Berichte, anekdotische Berichte, einen aus Belgien und einen aus Hongkong über infizierte Katzen aus Haushalten von Coronavirus-infizierten Personen. Da müssen wir einfach abwarten, wie sich das entwickelt, aber das wäre natürlich auch eine Aufgabe für die Tierärzte.

Der dritte Bereich ist die Weiterführung der gewohnten tierärztlichen Tätigkeit, auch z.B. die Bestandsbetreuung von Viehbeständen. Man sollte ja nicht vergessen, dass es neben SARS-CoV-2 auch noch andere Erreger gibt, die gerade im Bereich der Tiermedizin wichtig für uns sind. Wir hatten jetzt in den letzten Wochen einige Ausbrüche von Geflügelpest und die Afrikanische Schweinepest steht immer noch vor unserer Haustür, auch das sollten wir in diesem Kontext nicht vergessen.

TOGEV: Wie können wir One Health-Kooperationen in der COVID-19-Pandemie nutzen?

Prof. Thomas Mettenleiter: Auch hier vor allem in der gegenseitigen Unterstützung zwischen Human- und Veterinärmedizin. Ich glaube, wir sind in der Veterinärmedizin in einigen Bereichen sehr gut aufgestellt. Ich nenne ganz besonders das Tierseuchennachrichtensystem, mit dem wir ein elektronisches System der Informationsübermittlung haben, das bundesweit von allen Veterinärämtern genutzt wird, sodass alles auf der gleichen Plattform läuft und wir auch innerhalb von 24 Stunden die entsprechenden Meldungen bekommen. Ich glaube, da würde sich das Robert-Koch-Institut im Moment freuen, wenn es eine ähnliche Struktur auch im humanmedizinischen Bereich gäbe.  Aber da gibt es sicherlich einiges, was wir auch nach der Krise noch einmal auswerten müssen und sehen, wo können wir denn hier auch Unterstützung leisten oder wo haben wir vielleicht auch eine gewisse Vorbildfunktion.

TOGEV: Denken Sie, es wird neue Tierreservoire oder Zwischenwirte für SARS-CoV-2 geben?

Prof. Thomas Mettenleiter: Das kann man im Moment wirklich überhaupt nicht abschätzen. Wir wissen zum einen natürlich nicht, ob es überhaupt einen Zwischenwirt gegeben hat zwischen dem vermutlichen Reservoirwirt Fledermaus und dem Menschen. Es ist ja einiges diskutiert worden an Spezies, die möglicherweise eine Rolle spielen. Nichts davon war so beweiskräftig, dass man sagen konnte, das war's jetzt wirklich. Jetzt laufen natürlich erst einmal Studien, um zu sehen, wie sieht es mit Haustieren und mit Nutztieren aus? Am FLI haben wir experimentelle Studien in Schweinen und in Hühnern durchgeführt. Da kann ich Entwarnung geben: die sind beide offenbar nicht empfänglich. Frettchen sind infizierbar, das ist für uns wichtig als ein Modellsystem für die Infektion des Menschen. Unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen haben Tierversuche durchgeführt in Hunden und Katzen und zusätzlich auch in Enten. Enten verhalten sich wie Hühner, da passiert nichts. Bei Hunden ist es so, dass wenn überhaupt, nur eine minimale Virusvermehrung stattfindet. Bei Katzen sieht es leider etwas anders aus. Diese Tiere sind infizierbar und können die Infektion auch an andere Katzen weitergeben. Das heißt, hier muss man schon sehr genau darauf schauen, wie sich das im Laufe der Pandemie jetzt weiterentwickelt. Aber ich betone es nochmal, es gibt bis jetzt keinerlei Hinweise aus irgendeinem Szenario, dass Heimtiere oder Nutztiere bei dieser Pandemie epidemiologisch eine bedeutende Rolle spielen.

Der nun erfolgte Nachweis der Empfänglichkeit von Katzen für das SARS-CoV-2 stellt aber überhaupt keinen Grund dar, Katzen auszusetzen, an Tierheime abzugeben oder gar zu töten. Es sollten aber die normalen Hygienemaßnahmen im Umgang mit Tieren eingehalten werden, häufiges Hände waschen, kein zu enger Kontakt wie z.B. übers Gesicht lecken lassen etc…).

TOGEV: Sie haben schon gesagt, dass einige Tiere empfänglich für SARS-CoV-2 sind. Was könnte SARS-CoV-2 denn für die Tiergesundheit bedeuten?

 Prof. Thomas Mettenleiter: Diese Fragestellung hat uns zu den tierexperimentellen Studien vor allem bei den landwirtschaftlichen Nutztieren gebracht. Das heißt, ist der Erreger eine Gefahr für die Gesundheit dieser Tiere? Bei Schwein, Huhn und Ente kann man klar sagen - Nein. Beim Hund sieht es auch nicht so aus. Bei der Katze ist es wohl etwas anders, denn Katzen können sich infizieren.  Besonders junge Tiere können vermutlich auch daran erkranken. Das heißt, die Reaktion der unterschiedlichen Tierarten auf diesen Erreger ist auch völlig unterschiedlich. Wir haben hier im FLI auch Fledermäuse - also Nilflughunde - infiziert, Tiere die dem möglichen Reservoir sehr nahestehen und auch bei diesen Tieren kommt es zu einer Infektion und zu einer Virusvermehrung, allerdings nur in relativ geringem Umfang. Auch die Transmission, die Übertragung, findet nur sehr ineffizient statt. Diese Tiere zeigen auch keinerlei Symptome. Das heißt, wir werden wahrscheinlich wie in vielen Infektionen das ganze Spektrum sehen, von schwerer Krankheit bis hin zu völlig asymptomatischen Verläufen bis hin zu Resistenz.

TOGEV: Sie haben jetzt schon einige Punkte genannt - welche Aufgaben im Kampf gegen SARS-CoV-2 übernimmt das FLI?

Prof. Thomas Mettenleiter: Wir sind ein Forschungsinstitut, das heißt, wir betätigen uns in Experimenten mit diesem Erreger. Im Moment haben wir zwei Schwerpunkte. Der eine liegt im Bereich der Tier-experimentellen Studien, also zu analysieren, welche Tiere infizierbar sind. Was passiert in der Interaktion zwischen Virus und Wirt? Mit dem Frettchen haben wir ein Modellsystem gefunden, mit dem wir zum Beispiel jetzt Testungen von Impfstoff-Kandidaten oder auch möglichen Medikamenten beginnen können. Das wird alles nicht von heute auf morgen passieren können, weil natürlich auch die Tiere verfügbar sein und die nötigen Genehmigungen vorliegen müssen. Aber wir haben nun eine gute Grundlage gelegt, in diese Studien einzusteigen.

Der zweite Bereich, in dem wir tätig sind, basiert auf unseren Expertisen im Bereich der Diagnostik. Das heißt, wir haben diagnostische Verfahren zum Nachweis von SARS-CoV-2 bei uns etabliert und validiert, und entsprechende Protokolle dann auch über den Arbeitskreis Veterinärmedizinische Infektions-Diagnostik der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) den Untersuchungseinrichtungen zur Verfügung gestellt.  Diese Studien laufen kontinuierlich weiter. Es kommen neue Testsysteme auf den Markt und wir versuchen da möglichst nahe dranzubleiben, um unseren veterinärmedizinischen Kolleginnen und Kollegen dann auch unterstützend mit Rat zur Seite zu stehen, wenn es Probleme gibt oder Fragen auftauchen.

TOGEV: Hat das unterschiedliche Klima in verschiedenen Teilen der Welt einen Einfluss auf das Vorbereitungsmuster oder auf die Infektionskraft von SARS-CoV-2?

Prof. Thomas Mettenleiter: Es ist viel spekuliert worden, etwa es wird jetzt wärmer, die Sonne scheint länger, dann wird es der Erreger nicht länger aushalten. Wir sehen er hält es durchaus aus. Dazu muss man sagen, dass wir natürlich mit einer Coronavirus Pandemie in diesem Ausmaß bisher noch nie zu tun hatten. Das heißt, wir wissen einfach nicht, wie sich der Erreger jetzt auf die unterschiedlichen Bedingungen einstellt, was passiert, ob die Spekulationen recht behalten oder ob wir mit einem ganz anderen Szenario zukünftig rechnen müssen? Da ist viel in der Diskussion. Als Wissenschaftler muss man sagen, viele Spekulationen und wenig begründete Daten.

TOGEV: Wird SARS-CoV-2endemisch und von nun an in der Weltbevölkerung zirkulieren oder ist es vorstellbar, dass es wieder verschwindet?

Prof. Thomas Mettenleiter: Beide Szenarien sind theoretisch denkbar, aber wir wissen nicht, welches sich letztendlich realisieren wird. Das heißt, es gibt die Möglichkeit, dass es endemisch wird in der Weltbevölkerung - dass es vielleicht saisonal wird, wie die Grippe, ist nicht auszuschließen. Aber es ist natürlich auch nicht auszuschließen, dass wenn der Immunstatus sich generell erhöht hat, dann keine Weitergabe des Erregers mehr möglich ist, zumindest nicht mehr effizient.  Und dass die Epidemie/Pandemie dann auch wieder erlischt. Wir haben Beispiele für Epidemien, die wieder erloschen sind, aber wir haben natürlich auch genügend Beispiele für pandemische Viren, die nachher zu einem endemischen Zustand übergegangen sind. Ich nenne nur die Schweinegrippe von 2009, die aus einer Pandemie in eine Endemie übergegangen ist.

TOGEV: Wie ist das deutsche Gesundheitssystem im Vergleich zu anderen Ländern aufgestellt?

Prof. Thomas Mettenleiter: Dazu kann ich letztendlich als Präsident eines Tiergesundheit Forschungsinstituts nur relativ wenig sagen. Aber was wir hören ist, dass es sehr, sehr gut aufgestellt ist im Vergleich zu anderen. Und wir hoffen ja alle, dass diese gute Aufstellung gut genug ist, um auch mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden.

TOGEV: Gibt es spezielle Herausforderungen bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2?

Prof. Thomas Mettenleiter: Nun, ich sehe keine speziellen Herausforderungen. Es sind die Herausforderungen, die mit jeder Impfstoff-Entwicklung und Neuzulassung von Impfstoffen zusammenhängen. Das sind Tests, die vorher gemacht werden müssen, die auch sehr sinnvoll sind, auf Sicherheit und auf Wirksamkeit der Impfstoffkandidaten. Sie müssen dann natürlich auch die Zulassung erfolgreich überstehen - vielen kommt das jetzt gerade viel zu lange vor, aber das ist ein Verfahren, das auch sehr bewährt ist und wir wollen letztendlich ja auch geimpft werden mit Impfstoffen, die wirksam und sicher sind.

TOGEV: Wie weit sind da die ersten Studien?

Prof. Thomas Mettenleiter: Weltweit gibt es bereits Phase-1-Studien bei Menschen. Wir am FLI bereiten uns darauf vor, dass wir im Rahmen des Frettchen-Infektions-Modells, Impfstoffkandidaten in den nächsten Wochen testen werden. Da gibt es einige erfolgversprechende Kandidaten, die wir hier in die Versuche nehmen wollen - aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik.

TOGEV: Wann ist mit einem neuen Impfstoff zu rechnen?

Prof. Thomas Mettenleiter: Einen Impfstoff beim Menschen einzuführen dauert eben seine Zeit. Das ist bei uns in der Veterinärmedizin glücklicherweise etwas einfacher und geht schneller. Die Experten sagen eigentlich fast einstimmig, dass vor dem ersten Halbjahr des nächsten Jahres mit einem Impfstoff, der auch in einer Menge zur Verfügung steht, die relevant ist für die Pandemie oder besser gegen die Pandemie, nicht zu rechnen sein wird.

TOGEV: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und für dieses aufschlussreiche Interview!

 

Annalena Bruse-Smith interviewte Prof. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler Instituts für Tierärzte ohne Grenzen e.V.


[i] Panzootie [von *pan- , griech. zōiotēs = Tierwelt], weit verbreitete Tierseuche, z.B. die Afrikanische Schweinepest

 [ii] Infektionskrankheiten, die auf natürliche Weise zwischen Mensch und anderen Wirbeltieren übertragen werden können