Nothilfe in Südsomalia: Hunger lindern und ein Leben in Würde ermöglichen

Projektmitarbeiter Zacharias schaut zufrieden auf sein Notebook. Vor ihm ist die E-Mail, auf die er so sehr gehofft hat. Er arbeitet seit einem knappen Jahr für Tierärzte ohne Grenzen in Dollow, Südsomalia. Nun liest er, dass er und sein Team weitere vier Monate mit einem zusätzlichen Budget vom Auswärtigen Amt den Menschen in dieser Region Somalias, die noch immer von ausbleibenden Regenfällen und politischer Instabilität geplagt ist, helfen können.

© Tierärzte ohne Grenzen e.V.

Nach den neuesten Schätzungen der Vereinten Nationen ist davon auszugehen, dass bis Ende 2017 in Somalia 2,5 bis 3 Millionen Menschen von humanitärer Hilfe abhängig sein werden. Zacharias und sein Team werden gebraucht. Mitte Oktober 2016 startete das Projekt, dessen Hauptziel es ist, den Hunger vieler armer Haushalte in der Gedo-Region zu lindern.


20 Jahre Bürgerkrieg haben dazu geführt, dass Somalia als eines der fragilsten und unsichersten Länder der Welt gilt. Diese Situation wird verschärft durch wiederkehrende Dürren. So werden viele Regionen Somalias und auch das Projektgebiet von Tierärzte ohne Grenzen nach den Voraussagen der Vereinten Nationen1 in diesem Herbst weiterhin eine krisenhafte Ernährungssituation haben: Zum dritten Mal in Folge sind durch mangelnde Regenfälle schlechte Ernten zu erwarten. Auch das Vieh leidet darunter. Die Tiere sind abgemagert und krank. Von Nachkommenschaft ist keine Spur. Das ist extrem gravierend, da sie die Haupthandelsware besonders der armen Familien sind und Milch oft die einzige Proteinquelle ist.


Zacharias hat diese Ernährungsunsicherheit mit seinem Team in den letzten elf Monaten mit vielen unterschiedlichen Maßnahmen bekämpft. Er ist in die Gemeinden gefahren, hat besonders bedürftige Familien zusammen mit den Gemeindevertretungen identifiziert und ihnen Lebensmittelgutscheine überreicht. Insgesamt 3.480 Personen konnten damit fünf Monate lang drei Mahlzeiten einnehmen. Nicht nur die Unterernährung wurde so gelindert, sondern auch die Mangelernährung. Diese Nahrungsmittelhilfe stoppt aber nicht nur physisch den Hunger, sondern gibt den Begünstigten auch ein Stück ihrer Würde zurück. Denn der schlimme Hunger führte dazu, dass sie bei den Verwandten um Nahrung bitten mussten. Bis zur vollständigen Eigenständigkeit ist es allerdings noch ein weiter Weg, denn erstmal müssen sich die verbleibenden Tiere wie Schafe, Ziegen oder Kühe erholen, um dann wieder durch Nachzucht Milch zu produzieren bzw. zum Verkauf zur Verfügung stehen zu können. Dafür sind auch tiermedizinische Interventionen notwendig, wie zum Beispiel Impfungen gegen die wichtigsten endemischen Krankheiten. Tiermedizinische Maßnahmen werden in Kooperation mit SOWELPA2, der lokalen Tierärztevereinigung durchgeführt. Zusammen mit SOWELPA haben Zacharias und sein Team 20 Tiergesundheitshelfer ausgebildet und mit einer tierärztlichen Grundausrüstung ausgestattet. Ziel in den nächsten vier Monaten ist es, weitere 60.000 Tiere aus pastoralen Haushalten zu behandeln. 2016 konnte das Team bereits 94.000 Tiere behandeln.


Ein weiterer Projektbestandteil sind die Cash-for-Work-Maßnahmen. Insgesamt 700 Haushalte, deren Existenzgrundlage weggebrochen ist, finden in dem Projekt Arbeit. Durch ihre Arbeit ist es den Menschen wieder möglich, die wichtigsten Auslagen zu bezahlen und kleine Geschäftsideen zu realisieren. Einige der Familien haben zum Beispiel Futtermittel für ihre Tiere zukaufen müssen, da die Weidegründe kaum Nahrung boten. Die durchgeführten Arbeiten dienen dabei den Gemeinden: So werden zum Beispiel Straßen verbessert oder auch Oberflächengewässer entschlammt. Der Fluss Jubba ist einer der wenigen Flüsse in Somalia, die immer Wasser führen, und damit ein Glück für die dort ansässigen Menschen ist, da er sie neben Trinkwasser mit Fischen versorgen kann. Doch wie Fischen ohne Ausrüstung? 50 Fischerfamilien standen kurz vor Projektanfang vor dem Aus, da ihre Fischfangmethoden so ineffektiv war, dass sie nicht einmal ihre eigene Familie damit ernähren, geschweige denn Fische auf dem Markt verkaufen konnten. Mit neuer oder auch reparierter Angelausrüstung können 50 Fischerfamilien nun weiter eigenständig ihren Lebensunterhalt bestreiten.


Die Arbeitstage des Teams von Tierärzte ohne Grenzen können lang und beschwerlich sein. Umgeben von akuter Not und in einem nicht immer friedlichen Umfeld sind positive Nachrichten wie die, die heute in Zacharias E-Mailpostfach ankam, für alle Beteiligten wichtig. Humanitäre Hilfe kann dabei die zugrundeliegenden Konflikte nicht lösen und auch die negativen Auswirkungen des Klimawandels nicht stoppen. Aber sie kann den Menschen eine Perspektive eröffnen und ein erster Schritt für ein wieder selbstbestimmteres Leben sein.

 

1FEWS

2SOWELPA

 

Fakten zum Projekt

Projekttitel: Food Security Rapid Response in Gedo
Zuwendungsgeber: Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland
Gesamtprojektlaufzeit: Oktober 2016 bis Februar 2018
Projektvolumen: 965.475 Euro
Projektziel: Verbesserung der Ernährungssicherheit und Einkommensverbesserung für Pastoralisten, Agropastoralisten, städtische Arme und IDPs in der nördlichen Gedo-Region in Südsomalia