Mit Kunst gegen Tollwut in Kenia

Ein gemeinsames Projekt von Tierärzte ohne Grenzen e.V., der Katakala Grundschule in Narok County und der Künstlerin Jessica Mahan

 

© Tierärzte ohne Grenzen e.V.

Ezra holt uns an einem Januarmorgen im Regionalbüro von Tierärzte ohne Grenzen e.V. in Nairobi ab und fährt mit uns durch die Berge nach Narok, der Hauptstadt des gleichnamigen Counties. Und wir, das sind der Tierarzt Ezra, Vorstandsmitglied und Tierärztin Antje Hoppenheit und Jessica Mahan, eine Künstlerin aus Missouri, USA.  Wir werden auf dieser Reise Menschen aus Narok treffen und mit ihnen über ihre Erfahrungen mit der Tollwut sprechen, später dann gemeinsam mit Kindern der Katakala Primary School Kunst schaffen, deren Erlös den Tollwut-Projekten zugutekommen soll. Wir werden später erfahren, wie nötig die Weiterfinanzierung der Impfungen von Hunden und Katzen in den oft nur schwer zugänglichen Massai-Gemeinden von Narok County ist.

Narok ist, inklusive dem bekannten Naturschutzreservat Massai Mara, fast 18.000 km2 groß und eher dünn besiedelt, da hier vor allem Viehhirten leben. Dr. Ezra Kotondo ist Tierarzt und unterstützt Tierärzte ohne Grenzen e.V. seit 2012 bei der Tollwutvakzinierung in Narok. Die Menschen hier leben von agro-pastoraler Rinder- und Schafzucht, wobei sie Hunde zum Schutz ihrer Herden vor Wildkarnivoren einsetzen. Die halbnomadische Kultur der Massai und ihre Tierbestände sind jedoch durch Dürren und Landnutzungskonflikte bedroht.

Als Ezras Jeep sich mit uns die Berge von Naivasha zwischen Nairobi und Narok hochquält, zeigt Ezra über die darunterliegende Landschaft: „Dort überall sind die Tiere schon geimpft.“ Eine ernste Bedrohung für die Tierhalter Naroks ist nämlich die Tollwut, die hier endemisch ist. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, bei denen infizierte Hunde oder Wildtiere Rinder oder sogar Menschen angreifen. Die einzige Rettung im Fall einer Infektion durch Biss oder Kratzen eines tollwütigen Tieres ist das sofortige Impfen, was durch die Abgelegenheit der Dörfer und der mangelnden Verfügbarkeit des Impfstoffes sowie dem hohen Preis nur den Wenigsten zur Verfügung steht. Leider sterben deshalb in Kenia ca. 2000 Menschen pro Jahr an Tollwut. Staatliche Programme stecken noch in den Kinderschuhen und sind ohne Unterstützung allgemeinnütziger Organisationen wie Tierärzte ohne Grenzen e.V. nicht arbeitsfähig. Um die Tollwut jedoch langfristig bekämpfen zu können, müssen Hunde und Katzen flächendeckend geimpft werden. Deswegen setzt sich Tierärzte ohne Grenzen e.V. seit 2010 für Tollwutimpfungen von Hunden und Katzen in Narok ein. Damit sind sie Teil der globalen Initiative der Weltgesundheitsorganisation WHO, die anstrebt, dass 2030 kein Mensch mehr an Tollwut sterben muss.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder im Jeep und ruckeln über die teils wellig harte, teils aufgeweichte Piste. Unser Ziel ist der Ort Narosora, wo heute Viehmarkt ist und wo Ezras Eltern eine tierärztliche Apotheke betreiben. Im Verlaufe des Tages treffen wir Agro-Pastoralisten wie Parmuat Langjir aus Kanunga, der glaubt, von der Tollwut verflucht zu sein. Im letzten Jahr haben nämlich gleich zwei fremde, vermutlich tollwütige Hunde je eine Ziege und ein Rind gebissen. Während der Ziegenbeißer fliehen konnte, konnte Parmuat den zweiten Hund mit dem Speer töten. Dann lief auch noch seine Katze weg und kam nach einer Woche mit Verhaltensänderungen zurück. Als sie seinen Sohn kratzte, tötete er auch die Katze. Nur wenige Wochen später wurde er nachts durch eine Hyäne geweckt, die vor seinem Haus randalierte und seine Motorradreifen zerbiss. Nach drei Stunden gelang es ihm, auch die Hyäne zu töten.

Parmuat wusste durch die Aufklärungsarbeit von Tierärzte ohne Grenzen e.V., dass er gebissene Rinder und Ziegen für mindestens 10 Tage isolieren und die Tiere auf Verhaltensauffälligkeiten hin beobachten muss. Sollten diese auftreten, wird auf den Tod des Tieres gewartet, um es dann entweder tief zu vergraben oder zu verbrennen, damit keine Gefahr besteht, sich mit mittels Schleimhautkontakt zu Körperflüssigkeiten der Tiere mit Tollwut zu infizieren. Der getötete Hund aber wurde von Ezra nach Nairobi in die Pathologie geschickt und kam mit positivem Tollwutbefund zurück. Leider wird solch ein Nachweis nicht vom Staat unterstützt, obwohl es so wichtig wäre, korrekte Fallzahlen zu kennen. Nur so kann Druck auf das Landwirtschaftsministerium aufgebaut werden, um die dringend notwendigen Kontrollmaßnahmen zur Tollwutbekämpfung zu erkämpfen.

Später erklärt uns der Amtsveterinär Narok Counties, Dr. Njau, dass er jedes Jahr Fallzahlen aus humanmedizinischen Kliniken erhält und diese nach Nairobi ans Landwirtschaftsministerium berichtet. Leider kommen aber nur die wenigen Menschen in Kliniken, die es sich leisten können. Dass die jährlich gering erscheinenden Fallzahlen unrealistisch sein müssen, beweist auch der Bericht des Arztes Michael Barbo aus Narok, der mehrere Patienten kannte, die sich aus Geldnot gegen eine Behandlung entschieden haben und danach gestorben sind. Oft werden vor allem Kinder von vermeintlich gesunden Hunden gebissen und sterben, weil niemand an Tollwut denkt. Die Dunkelziffer an Tollwutfällen dürfte also weitaus höher sein als die offiziellen Schätzungen.

Da die flächendeckende Lösung solch einer politischen Herausforderung in der nächsten Zeit nicht zu erwarten ist, decken Tierärzte ohne Grenzen e.V.  so lange diese Lücke in Narok ab, indem dort Tiergesundheitshelfer (Community Animal Health Workers) Fallberichte an den Amtsveterinär liefern und natürlich durch die Tollwut-Impfaktionen. Ezra und sein Team aus CAHW’s wie Joshua, Amos und Steven arbeiten unermüdlich daran, in drei-Jahres-Schichten alle Gemeinden in Narok mit Tollwutimpfungen zu erreichen. Auf dem Viehmarkt in Narosoro treffen wir die drei CAHW’s und sie alle erzählen Geschichten von Hundebissen, die ihnen von abgelegenen Haushalten berichtet werden und darauffolgende Impfaktionen in schwer zugänglichen Bergdörfern.

Ein weiteres Problem ist auch, dass viele infizierte Hunde mit ihren Herden über die nahe Grenze zu Tansania kommen. Die Massai ziehen mit ihren Herden nämlich traditionell hunderte Kilometer weit zu ihren Weidegründen, ungeachtet nationaler Grenzen. Beim tradionellen Chai, schwarzem Tee mit Milch und Zucker, treffen wir auch Ezras Vater Dr. Joseph Kotondo, der seit kurzem berentet ist, aber 30 Jahre lang Amtsveterinär in Narok war. Er war Anfang der 1990er Jahre einer der ersten Mitarbeiter von Tierärzte ohne Grenzen e.V. als sie ihre Aktivitäten in Kenia begannen. Er erzählt resigniert, dass für jeden geimpften Hund in Kenia mindestens zwei Ungeimpfte aus Tansania nachkommen. Diese Tiere vermischen sich dann mit der lokalen Population und infizieren wiederum andere Hunde und auch Rinder und Schafe. Eine nachhaltige Tollwutkontrolle kann also nur durch grenzübergreifende Projekte in Tansania und Kenia erreicht werden. Punktweise klappt das auch schon, zum Beispiel durch Impfaktionen der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, die auf der tansanischen Seite Tiere gegen Tollwut impfen.

Parmuat, der von Tollwut verfolgte Mann, hat seine Tiere mittlerweile alle impfen lassen. Leider auf eigenen Kosten, denn sein Dorf war dieses Jahr nicht im Impfplan von Tierärzte ohne Grenzen e.V. vorgesehen. Die Gemeinden werden ca. alle drei Jahre besucht, um Hunde und Katzen zu impfen, wobei die Besitzer geimpfter Tiere ein individuelles Zertifikat erhalten. Eigentlich wäre es nötig, die Gemeinden jährlich zu besuchen, um eine ausreichend geschlossene Impfdecke zu erreichen. Alle Viehhirten, die wir in Narok trafen, baten uns, öfter in ihr Dorf zu kommen um zu impfen und jeder hatte seine eigene Geschichte über tragische Erlebnisse mit tollwütigen Tieren zu berichten.

Mit den Geschichten der Tierhalter im Kopf ziehen wir uns ins Hotel zurück und breiten die Materialien für den morgigen Tag vor uns aus: Wasserfarben, Fingermalfarben, Pinsel und Aquarellpapier. Dank privater Spenden aus den USA konnte Jessica diese Materialen im Wert von 250 Dollar kaufen. Bevor wir die Materialien der Katakala Grundschule in Narok übergeben, werden wir mit den Kindern der 2. und 7. Klasse über Tollwutbekämpfung sprechen und dann gemeinsam mit ihnen die wichtigste Einnahmequelle ihrer Familien malen: nämlich Rinder. Außerdem sollen die Schüler Jessica helfen, zwei ihrer eigenen Kunstwerke zu verschönern, die nach der Reise versteigert werden. So können die Kinder aus Narok aktiv ihre Gemeinde unterstützen, denn der Erlös der Kunstwerke soll den Tollwutprojekten von Tierärzte ohne Grenzen e.V. zugutekommen.

Wir wissen von Ezra, dessen Schwester früher in der Schule arbeitete, dass die Kinder noch nie mit Farben gemalt haben. Wir sind gespannt und auch ein wenig skeptisch, wie die Kinder diese außerplanmäßige Kunststunde so aufnehmen werden. Zum Glück steht uns Margaret Ngina, die Chef-Lehrerin der Schule und Klassenlehrerin der zweiten Klasse der Katakala Primary School mit ihrer unerschöpflichen positiven Energie zur Seite. Als wir in ihrem kreativ geschmückten Klassenraum ankommen und die Farben auf dem Tisch ausbreiten, bändigt sie gekonnt die neugierigen Schüler. und stimmt mit den Kindern die kenianische Nationalhymne auf Swahili an, um sie abzulenken, bis wir alles aufgebaut haben.

Dann fragen wir die Kinder, wer alles Tiere hat: Alle melden sich. Hier gehen ausschließlich Kinder aus Massai-Familien zur Schule, deren Familien alle Rinder halten. Sie kennen Ezra von den Impfaktionen auf ihren Farmen und nennen ihn den „Veterinary“. Aber als er sie fragt, ob sie wissen, was Tollwut ist, bleiben alle still. Ezra erklärt ihnen in einfachen Worten den Übertragungsweg der Krankheit, und dass sie auf sich seltsam benehmende Tiere achten sollen, um das dann ihren Eltern zu berichten. Alle hören gespannt zu, aber eigentlich kann es keiner mehr erwarten, endlich mit dem Zeichnen zu beginnen.

Dafür zeigt Jessica den Kindern zunächst eine von ihr gezeichnete Kuh und erklärt ihnen, dann mit Hilfe von Margarets Übersetzungen, wie sie mit einer Schablone die Umrisse eines Rindes aufzeichnen können. Danach fängt der kreative Teil der Aufgabe an: Mittels verschiedener Techniken sollen aus drei verschiedenen Farben, Salz, Papiertüchern und Wasser ganz individuelle Kunstwerke entstehen. Dann geht es los und jedes Kind bekommt ein Blatt Aquarellpapier und darf sich je drei Farben aussuchen, mit denen sie ihre Rinder gestalten wollen. Besonders beliebt sind die typischen Massai-Farben rot, gelb und grün. Jessica fällt auf, wie beliebt hier natürliche Erdtöne sind, im Unterschied zu amerikanischen Kindern, die meist knallige Farbtöne bevorzugen.

Begeistert malen die Kinder an ihren Kunstwerken und verpassen sogar zwei Pausen, in denen die anderen Kinder der Schule neugierig ins Klassenzimmer spähen. Jeder möchte heute malen. Gegen Mittag, nach Darbietungen von Liedern für „Zuspätkommer“, über die Morgenroutine von Schulkindern und einem kämpferischen Lied für eine bessere Zukunft fragt Margaret scherzhaft „Shall we release them?“. Und tatsächlich stürmen alle Kinder auf ihr Kommando aus dem Klassenzimmer und rennen ihre Bilder hochhaltend nach Hause.

Beim Mittagessen, Ezras Frau bereitet uns vorzügliches Ugali mit Spinat und Nyama Choma zu, fragen wir uns, ob die Teenager der 7. Klasse sich am Nachmittag genauso leicht für unser Kunstprojekt begeistern lassen. Dabei sind die Bedenken unbegründet: Auch die „coolen“ 12- und 13-Jährigen tauen spätestens auf, als sie in ihren Händen die gelbe, rote und weiße Fingerfarbe verteilen und sie mit viel Schwung auf Jessicas Büffelgemälde klatschen. Auf ihre Rinderporträts sind sie mindestens genauso stolz wie die Zweitklässler, auch wenn sie sich bemühen, möglichst cool zu wirken, als sie ihre Bilder in unsere Kamera halten.

Von den schönsten Bildern wird es nämlich Grafiken geben, mit deren Erlös die Tollwutprojekte in Narok unterstützt werden, während die Originale die Manyattas der Familien schmücken werden. Die beiden großen Gemälde mit den Handabdrücken der Kinder werden von Jessica vollendet und in den USA verkauft. Auch dieser Erlös kommt den Tollwutprojekten zu Gute. Jessicas Bilder sind in Amerika über ihren Onlineshop erhältlich, aber auf ihrer Facebookseite kann man auch von Deutschland aus sehen, was sie gerade macht: https://www.facebook.com/JessicaMahanArt/.

Leider müssen wir uns um16:00 Uhr verabschieden, denn nun endet der Schultag auch für die älteren Schüler.  Leider konnten wir nur mit zwei Klassen gemeinsam zeichnen, aber die Materialien werden hierbleiben. Von Margaret verwaltet werden sie für alle Schüler reichen und die Lehrer sind begeistert, nun Farben für den Kunstunterricht verwenden zu können. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass so schöne Bilder entstehen können!

Als wir die Kinder zum Abschied fragen, was sie später werden möchten, möchten die meisten Ärzte, Polizisten, Chauffeure und Lehrer werden. Wir wünschen ihnen allen viel Erfolg in der Schule und echte Chancen im Beruf! Vielleicht wird ja einer von ihnen Tierarzt oder Tierärztin und führt so die Arbeit von Tierärzte ohne Grenzen e.V. an den Tollwutprojekten weiter.

 

Über die Autorinnen:

Antje Hoppenheit aus Berlin ist Tierärztin und hat 10 Jahre an der Freien Universität Berlin und in subsahara-Afrika an der Erforschung der Schlafkrankheit gearbeitet und arbeitet heute in einem Berliner Auftragsforschungsunternehmen. Sie unterstützt Tierärzte ohne Grenzen e.V. ehrenamtlich seit 2005 und ist seit 2013 Vorstandsmitglied. 

Jessica Mahan aus Springfield, Missouri, USA ist Künstlerin. Sie hat Asien und die USA bereist und ist immer auf der Suche nach neuen Tiermotiven. Die ehemalige Grundschullehrerin portraitiert Wild- und Haustiere und unterstützt mit ihrer Kunst zahlreiche Auffangstationen in den USA und Kenia. Mit dem Erlös der in Narok entstandenen Bilder und Grafiken möchte sie Tierärzte ohne Grenzen e.V. bei der Tollwutbekämpfung in der Massai Mara unterstützen.