Mein Traum ist eine Welt ohne Hunger

Interview mit Zacharias Sanget, Projektleiter des Nothilfeprojekts „Food Security Rapid Response in Gedo", Südsomalia

 

© Tierärzte ohne Grenzen e.V.

In einer unserer letzen Meldungen berichteten wir über das ToG-Projekt zur Hungerbekämpfung in Südsomalia, finanziert vom Auswärtigen Amt. Projektleiter Zacharias Sanget berichtet im folgenden Interview aus dem Vorhaben, von seinen alltäglichen Herausforderungen und Lichtblicken. 

 

Zacharias, wie können wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen?

 

Als Projektmanager trage ich die Verantwortung dafür, dass das Team die Aktivitäten umsetzt. Es besteht aus vielen somalischen Kollegen, vor allen Dingen den Basistiergesundheitshelfern, die Tierärzte ohne Grenzen selbst geschult hat. Bei der Zusammenarbeit hilft mir sehr, dass ich selber Tierarzt bin und schon seit über acht Jahren immer wieder  in Somalia arbeite. Häufig muss ich auch Papierarbeit machen: Berichte für unsere Geldgeber schreiben, die Fortschritte unserer Arbeit evaluieren. Der dritte Teil meiner Arbeit ist das Netzwerken mit anderen Akteuren - wie den hiesigen Behörden, NGOs und auch internationalen Organisationen. Es ist wichtig, dass die Clans hier in Gedo uns vertrauen, denn ein Projekt kann nur dann erfolgreich sein, wenn wir es Hand in Hand mit der Bevölkerung implementieren. Für uns ist der Austausch zudem sehr wichtig, da die Region Gedo noch nicht völlig befriedet ist und ein Sicherheitsnetzwerk hier wirklich überlebenswichtig ist.Zacharias, ein Schwerpunkt des Projektes ist die Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung. Dazu verteilt ihr Gutscheine, die auf den lokalen Märkten für Nahrungsmittel eingetauscht werden können, an besonders bedürftige Menschen. Ich stelle mir es schwer vor, in einem Land zu arbeiten, wo derzeit ein Viertel der Bevölkerung (ca. 3,1 Mio. Menschen), von Hunger bedroht ist. Wie könnt ihr bei der Auswahl sicherstellen, dass ihr die Familien erreicht, die diese Lebensmittelgutscheine am dringendsten benötigen?

 

Da sprichst du einen sehr sensiblen Punkt unserer Arbeit an. Bei der Auswahl der Personen ist oberste Priorität, mit den Gemeinden vor Ort zusammenzuarbeiten. Ohne deren Kollaboration können wir nicht sicherstellen, dass unsere Entscheidungen akzeptiert und umgesetzt werden. Unsere wichtigsten Zielgruppen sind zum einen Binnenvertriebene, die nicht in einem Flüchtlingscamp leben. Denen geht es oft am schlechtesten.

Es folgen die Agro-Pastoralisten, die durch die ständigen Dürren viele Ernteausfälle haben und deren Viehbestand deutlich reduziert ist. Und dann unterstützen wir auch noch städtischen Armen, die einfach gar keine Einkommensquelle haben. Bei diesen Zielgruppen unterstützen wir besonders die Familien mit mangelernährten Kindern, Waisen, Familien mit chronischen Erkrankungen wie HIV/Aids und Tuberkulose. Wir geben den Nothilfekomitees der Gemeinden diese Kriterien an die Hand und diese wählen dann aus diesen Gruppen aus.

 

Hattest du auch schon einmal die Situation, dass du bedürftige Menschen mit leeren Händen stehen lassen musst, weil nichts mehr da war?

 

Wir hatten jetzt glücklicherweise die Situation, dass unser Projekt erneut um vier Monate verlängert worden ist und mit zusätzlichen finanziellen Mitteln ausgestattet wurde. Aus den ursprünglich 580 Haushalten, die wir über vier Monate mit Essen versorgen konnten, sind jetzt 1000 Haushalte geworden. Dennoch, die Gemeindevorsteher sagen, es reicht nicht aus. Sie haben uns Zahlen gezeigt, dass eigentlich 3000 Haushalte Nahrung benötigten. Durch die ständigen Dürren sind sie vom Hunger bedroht. Diese Momente sind hart für uns alle. Wir können nur hoffen, dass es weitere Finanzierungsmöglichkeiten und Spenden geben wird, um diesen Familien zu helfen.      

 

Zacharias, die ständig wiederkehrenden Dürren, die Meldungen von Hungerkrisen in Somalia - was sind die langfristigen Chancen für dieses Land?

 

Der Klimawandel und die damit einhergehenden Dürren werden Somalia auch weiterhin viel beschäftigen. Deshalb ist die einzige Chance, dass die somalische Bevölkerung lernt, damit besser umzugehen bzw. besser vorbereitet zu sein.

Mir fallen hierzu spontan nur ein paar Dinge ein:

- Einkommensquellen diversifizieren - Tierhaltung + Ackerbau + Fischerei

-    Brunnenbau

-    gezielter Abverkauf von Tieren vor Dürrezeiten

-    Tiergesundheit erhöhen durch Entwurmungen und Impfungen.

 

Zacharias, deine Arbeit stelle ich mir sehr herausfordernd, und auch ermüdend vor. Fällt dir spontan ein Moment ein, der dich bei deiner Arbeit glücklich gemacht hat, der dir gezeigt hat, dass du da an der richtigen Stelle arbeitest.  

 

Ich träume von einer Welt, in der niemand verhungert, in der es keine mangelernährten Kinder gibt. Ich glaube an den Ansatz von ToG, mit dem wir helfen möchten, das Leben der Menschen zum Besseren zu wenden. Hier in Gedo ganz konkret durch den Kampf gegen Mangelernährung und für bessere Einkommensmöglichkeiten. Es ist schon eine sehr ehrenwerte Sache, für die es sich lohnt, Risiken auf sich zu nehmen. Mein Leben stand bereits einige Male im Rahmen humanitärer Einsätze auf dem Spiel. Es macht mir sehr viel Mut, wenn ich bei der Nahrungsmittelverteilung leuchtende, dankbare Augen bei den Begünstigten unserer Vorhaben sehe, insbesondere bei Müttern und älteren Menschen.

 

Zacharias, Dir und Deinem Team weiterhin viel Mut und Zuversicht bei der Arbeit. Danke für das Gespräch!