In der Veränderung liegt die Kraft

Seit Oktober 2017 ist Christian Griebenow der neue Geschäftsführer von Tierärzte ohne Grenzen e.V. Ich treffe den 37jährigen Politikwissenschaftler in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin-Mitte. Er ist erst vor zwei Tagen von seinem Antrittsbesuch beim Regionalbüro in Kenias Hauptstadt Nairobi zurückgekehrt und wirkt sehr inspiriert von all dem Neuen, was ihm dort begegnet ist

Christian Griebenow & Dr. Ezekiel Makori, Kenia© VSF G (2018)

Christian, Du bist schon im Nahen Osten und Indien gereist. Den afrikanischen Kontinent hast Du allerdings erst jetzt zum ersten Mal betreten. Wie sind Deine Eindrücke?

Die Mitarbeiter von Tierärzte ohne Grenzen haben mich sehr herzlich empfangen. Nairobi habe ich eher als europäische Stadt erlebt. Meine eigentlichen afrikanischen Momente hatte ich dann im Nairobi National Park, als der Regionaldirektor Tinega O’gondi mich dort auf eine Safari führte. Riesige Herden von Büffeln und Gnus vor der Skyline der kenianischen Hauptstadt waren schon sehr beeindruckend.

Für den Verein, seine Mitglieder und Mitarbeiter bist Du ein neues Gesicht. Skizziere bitte die wichtigsten Stationen in Deinem Leben, damit wir Dich alle besser kennenlernen.

Ich bin als Pfarrerssohn in Thüringen aufgewachsen. In der evangelischen Jugendarbeit fand ein wichtiger Teil meiner Sozialisierung statt. Mit dem Evangelischen bin ich auch weiterhin sehr verbunden. Spannend an der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit finde ich, dass hier alle politischen Kräfte gebündelt werden. Ich selber trat während meines Politikstudiums in Dresden bei den Grünen ein und war über viele Jahre in der Evangelischen Jugend Deutschland und interreligiös auf europäischer Ebene aktiv. Und hier machte ich auch meine ersten beruflichen Erfahrungen - als damals jüngster Fraktionsreferent mit 25 Jahren im Deutschen Bundestag zum Thema interreligiöser Dialog. Nach einer Legislaturperiode hatte ich allerdings das Gefühl, jetzt eine Position ausfüllen zu wollen, an der ich entscheiden kann, Veränderungen einleiten und Prozesse steuern. Und deshalb fing ich 2010 als Geschäftsführer bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer und Frieden in Bonn an. Auch hier mal wieder der Jüngste mit ungefähr 25 Mitarbeitern, die bis auf eine Auszubildende und eine Referentin alle älter waren als ich. Mit meiner Frau und dem ersten Kind zog ich dann zwei Jahre später nach Berlin, um wieder bei den Grünen als Fraktionsreferent für Außen- und Sicherheitspolitik zu arbeiten. Eine zweite Geschäftsführerposition hatte ich dann bei der Klima-Kollekte inne, nachdem ich bei meiner ersten Tochter, wie ich es auch bei meiner zweiten Tochter tat, eine längere Elternzeit sehr genossen habe.

Christian, Du hast schon früh in Deinem Leben eine gestaltende Rolle in sozialen und politischen Kontexten eingenommen. Welche Deiner Stärken kannst Du jetzt besonders gut bei Tierärzte ohne Grenzen einbringen?

Als ich mich in der Bewerbungsphase näher mit dem Verein auseinandersetzte - ich kannte ihn bislang nur aus der Tierarztpraxis von „Impfen für Afrika“ - fiel mir auf, dass er im Wandel ist. Ein Prozess, den ich als guter Zuhörer begleiten und als Managing Director gestalten möchte. Ich möchte dafür sorgen, dass in diesen Prozessen alle mitgenommen werden und ein Höchstmaß an Konsens erreicht werden kann. Zudem habe ich ein Faible dafür, Dinge gut zu organisieren. Mir war dann relativ schnell klar, dass mir bei Tierärzte ohne Grenzen nicht langweilig wird, und das hat sich bisher auch bewahrheitet. Eine Herausforderung, der wir uns den nächsten Monaten stellen müssen, ist, nun nach der Umstrukturierung die personellen Lücken zu füllen und die Zusammenarbeit zwischen dem Regionalbüro in Nairobi und dem Headquarter in Berlin zu verbessern. In Nairobi habe ich so häufig den Begriff der „VSF G Family“, gehört. Ich denke, ich kann an dieser Stelle einige gestalterische Kräfte einbringen, um die VSF G Family wieder zu stärken. 

Als Politikwissenschaftler ist Dir das Herzstück der Thematik des Vereins, nämlich die Tiergesundheit, vielleicht eher fremd. Hattest du schon Gelegenheit, Dich ein wenig einzuarbeiten?

Unsere Referentin für internationale Tiergesundheit und Pastoralismus, Antonia Braus, hat mich schon gut eingewiesen. Besonders spannend finde ich das One-Health-Thema, in dem Tierärzte ohne Grenzen wichtige Schlüsselkompetenzen hat. Bei der Arbeitsgruppe von VENRO zu dem Thema werden wir als wichtige Experten wahrgenommen. Zum Beispiel sehe ich, dass das Thema der Tuberkulose, die auch auf den Menschen übertragbar ist, dringend mehr beleuchtet werden muss. Allerdings fehlen stichhaltige Zahlen, um den Bedarf für ein Projekt zu untermauern. Ich denke, Tierärzte ohne Grenzen hat durch seine tiefen Einblicke in die nomadischen Strukturen Ostafrikas das Potential, solche Zahlen zu ermitteln und in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen Lösungsvorschläge für die Praxis zu erarbeiten. Der europäische Lösungsweg zur Ausrottung der zoonotischen Tuberkulose, nämlich die Pasteurisierung der Milch sowie die Impfung der Tiere, steht uns nämlich in unseren Projektgebieten nur sehr begrenzt zur Verfügung.

Unsere Projekte hast Du bislang noch nicht besuchen können. Wann steht das an?

Projektbesuche finde ich enorm wichtig. Erst dann kann ich wirklich die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter verstehen und ein wenig besser mitreden. Deshalb werde ich direkt Anfang des Jahres erneut nach Kenia für einen ersten Projektbesuch in die Turkana Region reisen, wenn es die politische Lage zulässt.

Christian, ich danke Dir für dieses Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg und Zuversicht für deine Arbeit!

Es ist nun später Freitagnachmittag geworden und Christian zieht sich eilig seine Fahrradkleidung an, um seine Töchter noch pünktlich von der Kita abzuholen. Für mich strahlt er viel positive Kraft und Geduld aus. Ein Macher - ein Entscheider - und auch ein Mensch, der gut zuhören kann.

 

Das Interview führte Kristin Resch. Sie ist langjähriges Mitglied von Tierärzte ohne Grenzen, Tierärztin und Fachjournalistin.