Der neue Regionaldirektor für Ostafrika von Tierärzte ohne Grenzen besucht das Berliner Büro

Eine ganze Woche besuchte Tinega Ong’ondi, der neue Leiter aus dem Regionalbüro von Tierärzte ohne Grenzen e.V. in Nairobi, das deutsche Pendant der Organisation in der Berliner Marienstraße. Er nahm sich viel Zeit für die Ideen und Gedanken der Mitarbeiter in Berlin und für ein Interview, um sich den deutschen Unterstützern der Organisation vorzustellen.

Tinega, Du hast als Regionaldirektor Ostafrika seit Juni dieses Jahres eine neue Position innerhalb der Organisation. Was hast Du vorher gemacht?

 

Seit acht Jahren arbeite ich in unterschiedlichen Positionen für Tierärzte ohne Grenzen. Mein erstes Projekt war das RRP-Projekt in Luonyaker, Südsudan. Ich habe fast drei Jahre in diesem kleinen Dorf gelebt und wir haben mit unserem Team daran mitgearbeitet, das Dorf in vielen Bereichen wie Tierhaltung, Gesundheit, Streitbeilegung zu beraten und Strukturen aufzubauen. Das ist meine ganz wichtige Erfahrung in der Projektimplementierung. Da sind wir uns übrigens auch das erste Mal begegnet. Damals warst Du als Tiermedizinstudentin vor Ort.

Die letzten drei Jahre habe ich dann als Landesdirektor Südsudan in Juba, der Hauptstadt Südsudans, gearbeitet. Hier galt es, die Kontakte zu anderen Entscheidungsträgern zu pflegen, die Politik zu beobachten und strategisch die Projektumsetzung zu begleiten.

 

Tinega, Du kennst Tierärzte ohne Grenzen e.V.  also schon wirklich lange und hast durch Deine unterschiedlichen Positionen umfassende Arbeitserfahrungen sammeln können. Mit welchen Stärken und Schwächen wirst Du jetzt diese leitende Postion bei Tierärzte ohne Grenzen ausfüllen?

 

Oh, das ist eine schwierige Frage, die vielleicht besser jemand anders beantworten sollte. Aber ich versuche mein Bestes. Meine Stärke liegt ganz bestimmt darin, ein Team zu führen, und in der Koordinierung. Das habe ich schon früh in der Grundschule gemacht oder auch in meiner Familie mit acht Geschwistern. Eine weitere Stärke ist, dass ich immer nach vorne schaue. Auch wenn die Situation schwierig ist, habe ich ein Ziel vor Augen und gehe Schritt für Schritt vorwärts. Das war zum Beispiel sehr wichtig, als wir im Südsudan unser Team wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen evakuieren mussten. Einer meiner großen Schwächen ist ganz bestimmt, dass ich ungeduldig bin mit den Mitarbeitern, die mir in solchen Zeiten nicht sofort folgen. Vielleicht bin ich dann auch manchmal zu schnell in meinen Handlungen. Insofern helfen mir diese Mitarbeiter, in schwierigen Situationen innezuhalten.

 

Tinega, mit wie vielen Mitarbeitern ist das Büro in Nairobi besetzt?

 

Ich habe 18 Mitarbeiter im Regionalbüro Nairobi.  Dann haben wir 240 Mitarbeiter im Feld in unseren fünf Projektländern Sudan, Südsudan, Somalia, Kenia und Äthiopien. Und darüber hinaus sind noch die wichtigen lokalen NGOs, die mit uns Projekte umsetzen, zu koordinieren. Ganz zu schweigen von den über400 400 Basistiergesundheitshelfern in allen Ländern. Tierärzte ohne Grenzen ist durch seine 25jährige Arbeit in Ostafrika gut vernetzt. Das gibt uns eine große Stabilität und wir können sehr stolz darauf sein.

 

Tinega, Tierärzte ohne Grenzen ist eine deutsche Organisation mit Sitz in Berlin. Viele deutsche Spender unterstützen die Arbeit der Organisation. Wie wirst Du versuchen, eine Brücke zu schlagen, zwischen Ostafrika und Deutschland?

 

Kommunikation ist das A und O. Mich erreichen an einem Tag hunderte von E-Mails, aus mindestens sechs verschiedenen Ländern. Ich versuche immer zu antworten. Manchmal bin ich aber auch auf einem Projektbesuch und habe keinen Zugang zum Internet. Neben E-Mails und Telefonaten sind aber gerade auch solche Besuche, wie auch der hier in Berlin, unglaublich wichtig, um zu wissen und zu spüren, was die Mitarbeiter und Projektbegünstigte bewegt, unter welchen Bedingungen sie leben und arbeiten. Ich denke, gerade die gegenseitigen Besuche sind wichtig, um einander zu verstehen.

 

Tinega, in Deutschland hören wir fast nur Negativschlagzeilen aus den Projektländern. Besonders die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die ständig wiederkehrenden Dürren und die daraus resultierenden Nahrungsmittelknappheiten, ja sogar Hungersnöte sind Zustände, die Tierärzte ohne Grenzen immer wieder beschäftigen. Was sind Deine Gedanken dazu?

 

Wichtig für mich ist zu unterscheiden, was der Mensch verursacht hat, und was wirkliche Naturkatastrophen sind. Alles, was der Mensch gemacht hat, kann er letztendlich wieder auflösen bzw. rückgängig machen. Dafür muss ein Bewusstsein entstehen. Dadurch können Streitigkeiten aufgelöst werden. Die schlimmen Klimageschehnisse sind zum Teil menschengemacht. Es liegt an uns, sie jetzt wenigstens zu stoppen, oder immer so weiter zu machen. Die Nomadenvölker unserer Projektregionen leiden mit anderen Gruppen am härtesten darunter. Wir haben aber die Chance, ihnen zu helfen. Das tun wir, indem wir die Tiergesundheit durch Impfungen und Entwurmungen verbessern. Die Viehhalter bei drohenden Dürren zu unterstützen, die Herden zu reduzieren, damit das knappe Futter und Wasser ausreicht, auch das sind Projektaktivitäten. Aber auch alternative Einkommensquellen zu erschließen, zum Beispiel durch Mikrokredite oder Frauenspargruppen, gehört zu unserem ganzheitlichen Ansatz dazu. Wir sind eine Welt, das sollte uns allen bewusst sein. Das, was gefühlt am anderen Ende der Welt passiert, hat langfristig auch Auswirkungen auf uns - und umgekehrt.  

 

Tinega, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Viel Erfolg bei Deiner neuen Aufgabe!

 

Das Interview führte Kristin Resch, Tierärzte ohne Grenzen-Mitglied, Tierärztin und Fachjournalistin.