Bericht zum One Health Day am 03.11.2017

Zum zweiten Mal fand am 3. November 2017 weltweit der One Health Day statt. Auch in diesem Jahr gab es dazu wieder eine Veranstaltung von Tierärzte ohne Grenzen e.V.

 

 

© Tierärzte ohne Grenzen

Hier geht zu dem Bericht der Veranstaltung im Jahr 2016.

Interaktiv und anregend

Die Freiwilligengruppe von Tierärzte ohne Grenzen e.V. organisierte gemeinsam mit Studierenden der Humanmedizin und der International Veterinary Student Association (IVSA) sowie weiteren Studierenden und Dozierenden verschiedener Fachbereiche in diesem Jahr einen transdisziplinären Workshop zum Thema One Health. Der Schwerpunkt lag auf der auch als Zoonose vorkommenden Infektionskrankheit Tuberkulose. Gefördert wurde die Veranstaltung durch Engagement Global mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Über Fachgebietsgrenzen hinaus

Die Schnittstellen der gemeinsamen Arbeit beleuchten, eine Plattform schaffen, gemeinsam über Gesundheitsthemen diskutieren und eine Basis guter und fruchtbarer Zusammenarbeit generieren, waren Hauptziele an diesem Abend. Der Austausch soll auch zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Forschung, Entwicklungspolitik und Nichtregierungsorganisationen führen.

Vorträge, World Café und Diskussion bei Imbiss und Getränken

Auf kürzere Vorträge zu One Health von Referenten unterschiedlicher Fachbereiche folgte eine interaktive Phase in kleineren Gruppen im Stil eines World Cafés. Hierbei wurden die Gruppenergebnisse besprochen und im Plenum diskutiert.

Tiere – Menschen – Lebensformen: One Health

Prof. Marcus Doherr und Dr. Maximilian Baumann, Veterinärmediziner von der Freien Universität Berlin, erläuterten zum Auftakt das Konzept und den Ursprung des One Health-Ansatzes und die Rolle der Veterinärmedizin hierbei. Es folgte ein Vortrag von Tierärztin Dr. Carola Fischer-Tenhagen zur Verbreitung der Rindertuberkulose heute, Übertragungswege und Reservoire des Erregers in Wildtieren sowie zu Problemen bei der Diagnostik der Erkrankung. Herr Dr. Ralf Otto-Knapp, Arzt und MSc. in International Health, stellte die Mission des Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose e.V. vor, das sich u.a. der Beratung von Laien und Fachpublikum widmet und Therapieleitlinien erstellt. Er erörterte auch das Versagen der komplexen antibiotischen Therapieregime in verschiedenen Regionen der Welt. Prof. Timo Ulrichs, Studiengangsleiter der Internationalen Not- und Katastrophenhilfe der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften, knüpfte bei Otto-Knapp an mit einer Darstellung der Häufigkeit und Verteilung von Tuberkulosefällen beim Menschen. Insbesondere ging er auf Länder Osteuropas ein und auf den Zusammenhang besonders hoher Fallzahlen in weniger wohlhabenden Ländern. Die größte Herausforderung sei insbesondere in diesen Regionen eine effektive Behandlung von Multidrug-resistenten Formen der Tuberkulose. Antonia Braus, Referentin für internationale Tiergesundheit und Pastoralismus bei Tierärzte ohne Grenzen e. V. stellte in ihrem Vortrag die Bedeutung der Milch als Lebens- und Infektionsquelle dar und die besonderen Herausforderungen bei mobilen Lebensformen. Sie erläuterte die Lebens- und Wirtschaftsform der Pastoralisten: Wanderhirten leben oft in semiariden Gebieten oder in Regionen mit starken Klimaschwankungen. Hier dienen Milch und tierische Erzeugnisse als Hauptnahrungsmittel.  Milch besitzt insbesondere für Säuglinge, Kinder und Stillende als Schutz vor Unter- und Mangelernährung eine große Bedeutung. Durch hygienische Mängel in Produktion, Verarbeitung und Lagerung kann Milch eine Infektionsquelle für Zoonosen wie Tuberkulose oder Brucellose darstellen.

World Café – ohne Berührungsängste ins Gespräch kommen

Nach den Vorträgen und einer Pause mit Stärkung fanden sich die Teilnehmenden in gemischten Gruppen an Tischen zusammen. Knapp die Hälfte davon waren Studierende und Promovierende der Veterinärmedizin. Die zweitgrößte Gruppe entstammte der Humanmedizin und den Fachbereichen Public und International Health sowie der Not- und Katastrophenhilfe. Einige der Teilnehmenden kamen aber auch aus dem Bereich der Geographie oder der Politikwissenschaften. Im Stil eines World Cafés wurde an den Tischen in Caféhausatmosphäre rege diskutiert. An jedem Tisch waren Referenten als Experten stationiert. Die Ergebnisse der einzelnen Tischgruppen wurden dem Plenum vorgestellt und zusammenfassend festgehalten: Die Diagnostik der Tuberkulose, insbesondere der bovinen und zoonotischen Tuberkulose, muss verbessert werden, damit auch in weniger entwickelten Regionen und unter nicht idealen Umständen eine zuverlässige Diagnostik möglich ist. Diese Forderung gilt auch für andere zoonotische Infektionserreger. Ein transdisziplinärer Ansatz ist unbedingt von Nöten, um die Ziele zu erreichen und den dringend notwendigen One Health-Gedanken umzusetzen. Auch die stark segmentierte Lern- und Denkstruktur muss durchbrochen werden. Studium, Beruf und Politik wurden als die Ebenen genannt, auf denen ein Umdenken dringend nötig ist, um eine stetige Vernetzung und interdisziplinäre Kompetenzen zu gewährleisten. Beispielhaft für diesen Gedanken steht Rudolf Virchow, der Mediziner, Anthropologe und Politiker war. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass sich Menschen spezialisieren und somit Experten auf ihrem, meiste einem einzigen, Gebiet werden. Das bedeutet aber auch – und umso bedeutender wird es – dass wir uns transdisziplinär vernetzen müssen, um erfolgreiche Public-Health-Konzepte zu erarbeiten.

Abschluss der Veranstaltung mit Forderungen an die Politik

Aus den Ergebnissen der Diskussion formulierten die Teilnehmenden Forderungen an die Politik:

- Public Services (WHO, FAO, OIE, etc.) sowie deren Zusammenarbeit anregen und fördern

- Forschung im Bereich One Health finanziell stärken

- gesamtgesellschaftliche, realistische und individuelle Problemlösungsansätze implementieren

- transdisziplinäre Strukturen schaffen

- flächendeckend Aufklärung der Menschen über Zoonosen verbessern

- Gesundheit in allen Politikbereichen priorisieren.

 

Bei Getränken und einem Imbiss klang die Veranstaltung mit angeregten Gesprächen locker aus. 

Hintergründe

One Health und Transdisziplinarität

Der disziplinübergreifende One Health-Ansatz, der die Zusammenhänge von Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit anerkennt, ist essentiell für eine effiziente Gesundheitspolitik und wirksame Interventionsmechanismen. In den letzten Jahren erfährt er zunehmend Zuspruch. Der One Health-Gedanke fordert integrative Ansätze für ein nachhaltiges Gesundheitsmanagement mit inter- und transdisziplinärer Zusammenarbeit. Eine umfassende Vernetzung von verschiedenen Fachbereichen und Wissenschaften, zum Beispiel Human- und Tiermedizin, wird angestrebt, darüber hinaus müssen weitere ökologische, soziale, politische und wirtschaftliche Aspekte eingeschlossen werden. Die Betrachtung eines größeren Radius wird notwendig ­– die Zusammenarbeit von Experten unterschiedlicher Disziplinen und ein umfangreicher Diskurs.

Zoonotische Tuberkulose

Zoonotische Tuberkulose (TB) ist eine Form von TB bei Menschen, vor allem verursacht durch Mycobacterium bovis, ein Bakterium aus dem Mycobacterium-tuberculosis-Komplex. Mycobacterium bovis ist an Rinder angepasst, verursacht aber auch Tuberkulose bei anderen Tierarten, einschließlich Wildtieren, und kann auch Menschen infizieren. Die zoonotische Tuberkulose hat bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen und bedroht den Lebensunterhalt von Menschen, deren Lebensgrundlage die Viehhaltung ist. Rindertuberkulose wird am häufigsten auf den Menschen übertragen mittels Verzehr von Lebensmitteln – nicht-wärmebehandelten Milchprodukten oder rohem oder falsch gegartem Fleisch erkrankter Tiere. Direkte Übertragung von infizierten Tieren oder tierischen Produkten auf Menschen kann ebenfalls auftreten. Die zoonotische Tuberkulose, die Infektion mit Mycobacterium boivs, bleibt meistens undiagnostiziert. Fortschrittliche Labors und Methoden zur Diagnostik und genauen Erregerdifferenzierung sind häufig nicht verfügbar. Mycobacterium bovis ist natürlicherweise resistent gegen Pyrazinamid – eines der Standardmedikamente zur Behandlung von Tuberkulose. Patienten werden daher häufig fehldiagnostiziert und erhalten daraufhin eine unwirksame Behandlung.

Control Plan für bovine Tuberkolose mit der im Oktober 2017 veröffentlichten Roadmap für Zoonotic Tuberculosis

Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OiE), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die International Union Against Tuberculosis and Lung Disease (The Union) schlossen sich zusammen, und veröffentlichten die erste Roadmap for zoonotic Tuberculosis. Sie basiert auf dem One Health-Ansatz und dient konkret dazu, die großen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Tuberkulose anzugehen. Die Roadmap for zoonotic Tuberculosis wurde erstmal im Oktober 2017 auf der 48th Union World Conference  on  Lung Health in Mexiko vorgestellt. "Diese multidisziplinäre Roadmap ist ein Meilenstein im Kampf gegen Tuberkulose bei Menschen und Tieren", sagte Dr. Paula I Fujiwara, wissenschaftliche Direktorin der Union und betont: "Bessere Technologien, bessere Wissenschaft und bessere Regierungsführung für betroffene Bevölkerungsgruppen, die in ärmeren ländlichen Gebieten von zoonotischer Tuberkulose betroffen sind, müssen zum neuen Mantra werden, wenn wir den Weg zur vollständigen Beseitigung der Tuberkulose gehen wollen".

Mehr dazu auf den Seiten der OiE.

Genaueres zur Roadmap der OiE gibt es hier.

Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) der Vereinten Nationen

Die UN schaffen mit den SDGs eine Plattform für interdisziplinäre Ansätze zur Verbesserung der Gesundheit in der ganzen Welt. Ziel drei „Gesundheit und Wohlergehen“ umfasst die Beendigung der globalen Tuberkulose-Epidemie. Im Jahr 2014 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der End-TB-Strategie einen ehrgeizigen Rahmen für die Beendigung der Epidemie bis 2030. Sie fordert für jede mit Tuberkulose infizierte Person eine schnelle Diagnose und zügige Behandlung.

 

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