Tanzania - mehr als nur Safaris und Kilimanjaro

Im Frühjahr 2016 begleitete Raphael Arz den tansanischen Tierarzt Dr. Emmanuel Swai für einige Wochen. Während seines Aufenthaltes in Dar Es Salaam hat er viele Eindrücke gesammelt. Ein Reise- und Erfahrungsbericht.

Dar Es Salaam in Tanzania

Im Frühjahr 2016 durfte ich Dr. Emmanuel Swai für ein paar Wochen begleiten. Dr. Swai hat in Tanzania Tiermedizin studiert und führt jetzt eine klassische Gemischtpraxis, unterstützt von drei Paravets -  Assistenten mit einer praktischen Ausbildung. Dass mit Swai ein Tierarzt im Hintergrund ist, der bei speziellen Fragestellungen beiseite stehen kann, ist ein großer Vorteil, den es so leider nicht oft gibt. Bei den behandelten Tieren stehen Milchkühe eindeutig im Vordergrund. Wir haben jedoch auch Hühner seziert, Schweine infundiert, Ziegen entwurmt und Hunde geimpft. Da nur Mutterkühe Milch geben, sind Trächtigkeitsuntersuchungen und künstliche Besamungen ein Großteil unserer täglichen Arbeit gewesen. Auch einige kleinere Operationen, wie Hernien oder Kastrationen haben wir durchgeführt.

Neben der Praxis betreibt Dr. Swai mit einem Geschäftspartner kleine Shops, in denen man alles finden kann, was man für sein Tier benötigt. Dazu gehören diverse Futtermittel, selbstgebaute Tränken für Hühner, Gummistiefel und Medikamente. Abgesehen von einem Teil der Futtermittel und den Tränken für die Hühner, kommen alle Produkte aus Europa oder China. Sogar der Samen für die künstliche Besamung stammt von europäischen Bullen.

Wir fahren mit dem Motorrad durch das allabendliche Verkehrschaos der Vorstadt. Wir sind auf dem Weg zu einem der unzähligen Kleinbauern außerhalb der Hauptstadt. Er hatte angerufen, weil seine Kuh brünstig sei und besamt werden soll. Auch um diese späte Uhrzeit ist es noch drückend heiß und sehr schwül - die Regenzeit soll bald beginnen. Allerdings lerne ich, dass es, durch den sehr unregelmäßigen Regen, mittlerweile schwer ist genau vorherzusagen, wann die Regenzeit beginnen wird. Für uns ist es der letzte Termin an dem Tag; danach wird es ein wohlverdientes kühles Serengeti Bier in einer Open Air Bar mit viel zu lauter Musik geben.

Auch wenn Dar es Salaam die Hauptstadt ist, sind die Menschen außerhalb der Innenstadt abhängig vom Tageslicht. Nicht nur, dass es nach Einbruch der Dunkelheit auch auf den Straßen gefährlicher wird - auch, dass die meisten Tiere im Hinterhof, auf einer kleinen Wiese oder in einem Verschlag gehalten werden, macht uns abhängig von der Sonne. Genutzt werden die Kühe vor allem für die Milch, denn die gehört in den allmorgendlichen Chai Tee oder wird gekocht und mit Zucker getrunken. Verkauft wird der Liter Milch für umgerechnet 80 Cent, was bei ein bis zwei Schwarz-Bunten - die Lieblingsrasse tansanischer Milchbauern - durchaus ein paar Tansanische Schilling abwirft. Leben können die meisten Tierhalter in der Region jedoch nicht von der Milchwirtschaft. Sie dient eher dazu das Einkommen ein bisschen aufzustocken. Trifft man mehrere Tiere an, kann man davon ausgehen, dass ihr Besitzer einen lukrativen Hauptberuf hat.

Dr. Swais aktuelles Projekt ist der Bau eines Lehrhofes für Landwirte. „Viele Krankheiten, wie Mastitis und Klauenprobleme können durch gezieltes Schulen der Landwirte in tiergerechter Haltung und Hygiene vermieden werden“, ist sich Dr. Swai sicher. Dabei ist eines der zentralen Anliegen die Melkhygiene. Landwirte sollen lernen, was bei einer Grundhygiene wichtig ist und sie sollen vor allem Mastitis früh erkennen können. So können sie einerseits früher behandeln und andererseits auch den Verbraucherschutz verbessern. Allerdings geht es nicht darum einen Standard für unter Hochleistung produzierenden Betrieben einzuführen, sondern schon allein durch Säuberung von Händen und Eutern vor dem Melken für eine bessere Hygiene zu sorgen.

Eine zentrale Rolle spielt zudem die Prävention von infektiösen Krankheiten wie die von der Tsetse-Fliege übertragene und wirtschaftlich recht bedeutende Nagana Krankheit. Da sich die Fliegen, gerade in der Regenzeit, massenhaft verbreiten, lassen einige Landwirte ihre Kühe prophylaktisch behandeln. Jedoch längst nicht alle Medikamentenanwendungen führen zum Erfolg. Durch mehr Aufklärung über Resistenzen und rationalem Medikamenteneinsatz könnten Landwirte besser auf die Bedrohung reagieren.

Die Tierseuchenbekämpfung funktioniert in Tansania und in den meisten afrikanischen Staaten noch lange nicht effizient genug. So wurden wir einmal von einer Landwirtin angerufen: Sie hätte 100 Mastferkel gekauft, von denen nach und nach immer mehr verenden würden. Nachdem wir die Tiere untersucht haben und afrikanische Schweinepest nicht auszuschließen war, wurde das Veterinäramt benachrichtigt. Als dieses am darauffolgenden Tag Tiere vor Ort untersuchen und Proben nehmen wollte, waren von den 100 Ferkeln nur noch eine Handvoll kranker Tiere anzutreffen. Die restlichen noch halbwegs gesunden Tiere hatte die Landwirtin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weiterverkauft. Ziel: unbekannt; Rückverfolgbarkeit: schwierig.

So wie ich es erlebt habe ist Aufklärung elementar, wenn es in Ländern ohne ausreichende staatliche Regelung von Tierhaltung um eine Verbesserung der Tiergesundheit und die Einschränkung von Seuchenverbreitung geht. Wo der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht, wird häufig nur der kurzfristige Verlust gesehen, anstatt den langfristigen finanziellen Gewinn zu sehen. Hierzu braucht es engagierte Menschen, die, wie Emmanuel Swai, einen großen Beitrag dazu leisten die Viehwirtschaft in Tansania, aber, durch den Austausch mit Veterinärmedizinern anderer afrikanischer Länder, auch in großen Teilen Afrikas, zu verbessern. Neben den studierten Tierärzten bilden auch die Paravets einen wesentlichen Beitrag. Das größte Problem bei dem teuren Studium ist nicht nur, dass es oft privat finanziert werden muss, sondern auch die Jahre, die man nicht arbeiten kann, müssen finanziert werden. Und in Afrika, wo in großen Teilen Tiere die Lebensgrundlage vieler Menschen sind, braucht es zur Behandlung dieser Tiere viele Menschen mit fundierter Ausbildung. Durch eine praktisch basierte Ausbildung stehen Paravets den studierten Tierärzten bei der täglichen Arbeit kaum nach. Bei deren Ausbildung leistet Tierärzte ohne Grenzen e.V. einen großen Beitrag. Denn man weiß, dass sich eine bessere Gesundheit in Leistung widerspiegelt und damit einhergehend in einer verbesserten Lebensgrundlage der Landwirte resultiert.

Allein im Jahr 2015 hat Tierärzte ohne Grenzen e.V. dabei geholfen, über 900 Paravets in Ostafrika auszubilden und zu unterstützen. Es sind Paravets und Einrichtungen, wie die von Dr. Swai, in denen Landwirte lernen und sich vernetzen können, die auf nicht staatlicher Ebene in Zukunft einen großen Einfluss auf das Leben in kleinbäuerlichen Strukturen in Ostafrika haben werden.