Projektbesuch in Äthiopien

Voller Tatendrang stiegen wir in Addis Abeba in eine kleine Propellermaschine der Ethiopian Airlines ein, um nach Semera zu fliegen. Semera ist die Hauptstadt der sehr trockenen Halbwüstenregion Afar. Ein Großteil der zwei Millionen Menschen, die in Afar leben sind Wanderviehhirten.

© Cornelia Heine

Ein Reisebericht von Dr. Dühnen, Dr. Gerlach und Cornelia Heine.

Trotz der frühen Morgenstunde mussten wir uns erst an die heiße Luft gewöhnen, die uns förmlich ins Gesicht schlug. Die Afarhalbwüste ist eine der heißesten Regionen der Erde und verzeichnet oft weniger als 400 mm Niederschlag pro Jahr. Esmael, unser Projektmanager, der uns begleitet, erlebte hier schon Temperaturen von über 50 Grad. Zur Zeit ist es mit durchschnittlich 35 Grad die „kühlere“ Jahreszeit.

Esmael hat sehr erfolgreich unser erstes Projekt in der Afarregion implementiert. Das Projekt war nicht nur das erste Projekt von Tierärzte ohne Grenzen in Äthiopien, sondern auch das erste einer ausländischen NGO in dieser Region Afars. „Es war damals eine harte Zeit für mich. Über ein halbes Jahr hatten wir keinen Strom und die Temperaturen überschritten oft 50 Grad. Aber das Projekt war ein großer Erfolg! Die Menschen sind unserer Organisation bis heute dankbar und wir genießen ein sehr hohes Ansehen.“ erzählt er rückblickend. Esmael lebt jetzt in der Hauptstadt Addis Abeba, ist aber nach wie vor oft in der Afarregion.

Die erste Station unseres Besuchs ist das Büro von Tierärzte ohne Grenzen in Semera. Neben diesen Räumlichkeiten unterhält der Verein zwei weitere Büros in der Region, von denen Projektaktivitäten koordiniert werden. Zur Begrüßung gibt es Kaffee, wie er in Äthiopien getrunken wird - sehr stark und sehr süß. 

Unser Projektmitarbeiter Abnet Sissa stellt uns die Projekte vor, die er und sein Team verantworten. Er berichtet von Projekterfolgen wie auch von Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Durchführung.

Am Nachmittag fahren wir durch die von einer schweren Dürre gezeichnete Projektregion. Die Afarregion hatte im letzten Jahr, verstärkt durch das Wetterphänomen El Nino, mit der stärksten Dürre seit 1984 zu kämpfen. Über 500 000 Tiere sind laut Behördenangaben an Wasser- und Futtermangel sowie Infektionskrankheiten gestorben. Die ohnehin von der Dürre geschwächten Tiere hatten vor allem den Infektionskrankheiten wenig entgegenzusetzen.

So stellt die Viruserkrankung Pest der kleinen Wiederkäuer (PPR) in der Region ein großes Problem dar. Diese Krankheit ist hochansteckend und verursacht hohe Verluste in Schaf- und Ziegenherden.

Zur Bekämpfung dieser Tierseuche werden von Tierärzten ohne Grenzen sogenannte „Community Animal Disease Reporters“ ausgebildet. Das sind Gemeindemitglieder, deren Aufgabe ist, den Ausbruch der Krankheit anhand der klinischen Symptome zu erkennen und zu melden. Anschließend organisiert der Verein Impfungen der betroffenen Herden.

Die Pest der kleinen Wiederkäuer ist eine Tierseuche mit sehr hohen Verlustraten und verursacht somit weltweit einen immensen wirtschaftlichen Schaden. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) haben nun einen globalen Bekämpfungsplan zur Ausrottung dieser Tierseuche erstellt. Das jetzige Projekt zur Bekämpfung der Pest der kleinen Wiederkäuer ist Teil dieser globalen Eradikationsstrategie. Gelingt dies, wäre es nach den Pocken und der Rinderpest die dritte Infektionskrankheit, die durch ein globales Eradikationsprogramm getilgt würde. Tierärzte ohne Grenzen war in den 90er Jahren an der Ausrottung der Rinderpest maßgeblich mitbeteilig, indem der Verein Tiergesundheitshelfer in Ostafrika ausbildete.

Die Region ist unwahrscheinlich weitläufig. Immer wieder kommen uns Kinder entgegen, die kleine Schaf- und Ziegenherden über die meist karge Landschaft treiben. Aber auch Rinderherden kreuzen unsere Wege und versperren uns einige Male den Weg. Die Rinder hier sind viel kleiner und tragen wunderschön geschwungene, lange Hörner.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir den Fluss Awash. Hier ist Bewässerungslandwirtschaft möglich, solange der Fluss genügend Wasser führt. Auch die Regierung hat das erkannt und baut hier nun großflächig Zuckerrohr an. Doch dieses Land steht Pastoralisten nun in den Trockenzeiten nicht mehr als Weideland zur Verfügung. Dies zeigt vor allem in Dürrezeiten negative Auswirkungen auf die Wanderviehhaltung.

Der Awash endet am Fuß einer Hügelkette, dessen rotbraune Felsen das Wasser mit ihrer Reflektion in Streifen färben. In der Ferne ist etwas zu erkennen, das auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Treibholz aussieht. Erst bei näherem Hinschauen sieht man, wie diese sich schlängelnd auf uns zu bewegen: Krokodile. Die Einheimischen sagen, dass diese noch nie einem Menschen etwas Zuleide getan hätten - außer man habe Fisch im Bauch, den sie auf ihrer Menükarte führen. Da dies bei uns nicht der Fall ist, können wir beruhigt etwas nähertreten.

Neben den Akazienbäumen ist ein Gewächs sehr präsent: Prosopis Juliflora. Auch wenn dieser Strauch auf den ersten Blick die Umgebung grün und fruchtbar erscheinen lässt, haben wir es hier mit einer Plage zu tun. In den siebziger Jahren wurde die Pflanze aufgrund ihrer Tiefwurzeligkeit und Trockenresistenz als Maßnahmen gegen Bodenerosion eingeführt. Die Prosopiswurzeln können bis zu 50 Meter tief in das Erdreich vordringen und somit an Grundwasser gelangen. Durch diesen Vorteil verdrängte das Gewächs heimische Pflanzen und verbreitete sich unkontrolliert und rasend schnell. Auf Abholzung reagiert Prosopis mit dem Austreiben von neuen Trieben. So kann die Pflanze pro Jahr bis zu 40.000 Hektar Land verschlingen. Prosopisblätter werden von den Tieren wegen ihres hohen Tanningehalts verschmäht und nur die reifen Samen von Ziegen gefressen. Da die Samen nicht zerkaut werden und den Darm unbeschadet passieren, trägt das Fressen der Samenkapseln in großem Maße zur weiteren Ausbreitung bei. Als Konsequenz hat die Äthiopische Regierung nun eine Nationale Prosopis-Bekämpfungsstrategie ins Leben gerufen, um der Ausbreitung Einhalt zu gebieten.

Am nächsten Tag geht es über 500 Kilometer Richtung Norden. Auf dem Weg ändert sich die Landschaft von Steppengebieten, in denen Akazienbäume und bei ausreichend Regen auch Gras und Sträucher wachsen, zu einer kargen Vulkangesteinslandschaft. Nur schwarze und unwirtliche Gesteinsbrocken sind zu sehen. Kein grüner Grashalm und kein Tier lässt sich in der brütenden Hitze blicken. Und doch sehen wir hier ab und an die typischen Rundhütten der Afarbewohner in dieser für Menschen so feindselig wirkenden Gegend.

Bei einem kurzen Stopp kommen sofort einige Frauen und Kinder zu uns gelaufen und rufen „Le“ - Wasser auf Afari - und fragen, ob wir nicht ein paar Wasserflaschen im Auto haben, die wir ihnen geben könnten. Wir lassen das, was wir im Auto haben bei ihnen. Die nächste Wasserstelle ist 7 Kilometer entfernt.

Als Antwort auf die Dürre hat die Regierung angefangen, Wasser in Lkws zu bringen, das in große runde Betonbehälter gefüllt wird. Doch scheinbar erreicht diese Hilfeleistung nicht alle Landstriche der Region.

Tierärzte ohne Grenzen hat in seinen Projekten auch Komponenten bedacht, die eine Wasserversorgung der Bevölkerung verbessern sollen. Es gibt verschiedene Maßnahmen, die dazu führen, vorhandenes Wasser besser aufzufangen, zu speichern oder zu nutzen.

Eine davon ist ein sogenannter Birka, ein Wasserauffangbecken aus Stein. Wir machen an einem Birka halt, das der Verein aus Projektgeldern finanziert hat. Umgerechnet 7000 Euro kostet der Bau eines solchen Wasserbeckens. Abfließendes Regenwasser sammelt sich während der Regenzeit und kann so gespeichert werden.

Daneben unterstützt der Verein Baumaßnahmen von Wasserleitungen, das Instandsetzen von defekten Wasserstellen sowie die Anschaffung von solargetriebenen Pumpsystemen.

Nach langer Fahrt erreichen wir Abala, ein lebendiges kleines Städtchen umgeben von Ausläufern des angrenzenden Gebirges. Man bemerkt deutlich den Einfluss der angrenzenden und wohlhabenderen Region Tigray. Die Mehrheit der Bevölkerung sind Kopten, im Gegensatz zu den muslimisch geprägten Afari. Die Menschen tragen andere Kleidung und sprechen eine eigene Sprache. In Äthiopien gibt es über 80 verschiedene Volksgruppen - die meisten mit eigener Sprache und Kultur.

Von Abala aus koordiniert Tierärzte ohne Grenzen momentan 2 Nothilfeprojekte, gefördert von der EU und USAID.

Vor 2 Monaten hat das Projektteam Ziegen an bedürftige Familien verteilt, die ihre Tiere durch die Dürre verloren hatten. Wir besuchen die Familien und erkundigen uns, wie es den Tieren und Familien geht. Es ist schön und befriedigend zu sehen, dass Ziegen und Familien sich bester Gesundheit erfreuen und es in den kleinen Ziegenherden sogar schon Nachwuchs gegeben hat.

Um der um sich greifenden Bodenerosion Einhalt zu gebieten, die letzten Endes zu Verlust von Weideland führt, untersützt Tierärzte ohne Grenzen viele Maßnahmen zur Bodenkonservierung. Durch sogenannte Cash-for-Work Programme, an denen mehrere hundert Menschen der Gemeinde teilnehmen, kann in kurzer Zeit Beachtliches geleistet werden.

Anschließend besuchten wir eine noch spärlich bewachsene Bergkuppe auf der in regelmäßigen Abständen Steinwälle gebaut sind. Bei Niederschlag verlangsamen diese die Abflussgeschwindigkeit des Wassers. Das lässt den Boden mehr Feuchtigkeit aufnehmen. So wird der Hügel in wenigen Jahren wieder mit Gräsern und Sträuchern bewachsen sein. Außerdem kann so eine Entstehung von sogenannten Gullys vermindert werden. Gullys sind tiefe Erosionsrinnen, die sich bei Regenfällen immer tiefer in die Landschaft hineinfressen.

Wir beenden unseren Tag in der Stadt Mekele, die im angrenzenden Hochland liegt und die Hauptstadt der Tigrayregion ist.