Interview mit RRP Projektmanagerin Dr. Elisabeth Hartwig

Katja Helbig, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, führte mit Projektmanagerin Dr. Elisabeth Hartwig ein sehr persönliches Interview zu ihrer Arbeit im RRP und dem Folgeprojekt PARIS. 

Tierärzte ohne Grenzen: Warum ist das RRP / PARIS für die Menschen in der Projektregion so wichtig?

Elisabeth Hartwig: RRP war ein integriertes Entwicklungsprojekt für einen großen ländlichen Regierungsbezirk (Gogrial East) und umfasste viele Bereiche: Tiergesundheit und -produktion, Landwirtschaft, Wasserversorgung, Gesundheit und Bildung. Daher ist es schwierig, zu sagen, was am wichtigsten für die Menschen war – oder was bleiben wird.

Über eines sind sich aber alle einig: RRP hat Bildung und Ausbildung vorangebracht. RRP hat nicht nur Schulen gebaut, sondern sich auch für die Aus- und Weiterbildung der staatlichen Angestellten und der VertreterInnen der lokalen Gruppen eingesetzt. RRP-Aktivitäten haben die Elternräte und Lehrer an den Schulen motiviert, abends und in den Ferien Kurse für Erwachsene zu organisieren und durchzuführen.

Was die Menschen in ihren Köpfen mitnehmen, kann ihnen nicht mehr weggenommen werden.

Mit dieser Erfahrung haben wir PARIS so geplant, dass dem capacity building ein großer Stellenwert beigemessen wird – nun konzentriert auf die Bereiche Tierproduktion und Landwirtschaft.

Tierärzte ohne Grenzen: Was sind aus deiner Sicht die Dinge, die PARIS konkret an der Lebenssituation der Menschen in der Region verbessern wird?

Elisabeth Hartwig: Ich hoffe, dass vor allem die Bemühungen um Einkommen fördernde Maßnahmen für arme Teile der Bevölkerung erfolgreich sein werden. Seit die Verbindungsstraße von Wau nach Lietnhom, der Bezirkshauptstadt gebaut ist, boomen die lokalen Märkte.

PARIS wird z.B. Frauen und ihre Familien darin unterstützen, die Hühnerhaltung zu verbessern. Das kann nicht nur die Ernährung der Familie verbessern, die Frauen können Hühner und Eier verkaufen oder vielleicht sogar im eigenen kleinen Restaurant verarbeiten. PARIS wird auch Sparvereine unterstützen und möglicherweise Kleinkredite vergeben.

Tierärzte ohne Grenzen: Hast du zum RRP und / oder PARIS konkretes Feedback von Beneficiaries bekommen?

Elisabeth Hartwig: Die Dinka-Kultur ist eine orale Kultur – eine wichtige Rolle spielen daher Lieder. Vor allem Lieder, die stolze Besitzer zum Preisen der Schönheit ihrer Kühe singen.
RRP wird inzwischen auch besungen. Auf der Heimfahrt von der Einweihung einer Krankenstation stimmten die Krankenschwestern und -pfleger und andere TeilnehmerInnen, die mit im Auto saßen, ein Lied an. Als ich um die Übersetzung bat, erfuhr ich, dass es ein Lobpreis-Lied für RRP war. Die Frauengruppen, die RRP im Gemüseanbau unterstützte, haben ihre Lobpreisungen aufgenommen und mich besucht, um mir die Lieder auf Tonband vorzuspielen.

Ein Motiv, an das ich mich erinnere und das sich wiederholte, war das, das auch der Paramount Chief Giir Thiik benutzte, als er RRP für seine Arbeit dankte:
„RRP ist wie ein großer Baum – er spendet Schatten, so dass sich die kleineren Bäume in seiner Nähe besser entwickeln können.“

Einmal bin ich früh morgens in der Nähe der Gesundheitsstation von Luonyaker von einem alten Mann angesprochen worden, den ich nicht kannte. Er schüttelte mir die Hand und bedankte sich für die Arbeit, die wir tun.

Gefreut habe ich mich auch über Geng Chols Einschätzung. Mit Geng Chol, der für den Regierungsbezirk den Bereich Straßenbau leitet, haben wir eng zusammengearbeitet. Er fasste wie folgt zusammen: „RRP hat bereits die Straße geebnet; jetzt sollte PARIS in der Lage sein, sich noch schneller zu bewegen.“

Tierärzte ohne Grenzen: Was waren in deiner Zeit im RRP die beeindruckendsten Erfahrungen?

Elisabeth Hartwig: Beeindruckt hat mich am meisten die Bereitwilligkeit der Menschen zu lernen, um das aufzuholen, was ihnen der Krieg verwehrt hat.
Bei einem Besuch der Ferienklassen in der Grundschule von Yikador saß der Dorfpolizist inmitten einer Schar von Kindern und Jugendlichen und lernte Lesen und Schreiben.
Der VSFG-Verantwortliche für die Kühlschränke (für Impfstoff und Medikamente), Mariak Agim, nahm auch an einem Alphabetisierungskurs für Erwachsene teil – er wollte endlich den Beleg für den Erhalt seines Lohnes mit seinem Namen unterschreiben können.

Beeindruckend war auch die Unterstützung, die wir als VSFG bei der Klärung eines Unfalls mit tödlichem Ausgang erfahren haben. Wie vom Regierungsbezirkspräsidenten (commissioner) geraten, haben wir uns um eine traditionelle Klärung des Falles bemüht. Der Fall wurde vor einem traditionellen Gericht verhandelt, und die Chiefs haben ein traditionelles Urteil gesprochen – VSFG musste der Familie des Unfallopfers 31 Kühe übergeben. Die Zeremonie der Übergabe fand an der Unfallstelle auf der neuen Straße von Wau nach Lietnhom statt. Sie hat mich sehr berührt. Ein Bulle wurde vor Ort geschlachtet, und die Galle herausgeschnitten, bevor das Fleisch an die Anwohner verteilt wurde. Ein Vertreter der Familie und ein Vertreter von VSFG mussten an der Galle lecken und ausspucken – und damit sollte alle Bitterkeit zwischen den Parteien vergessen sein. Familienmitglieder hatten mir schon vorher im Gespräch erklärt, dass sie einsehen, dass es ein Unfall war; dass es sie aber sehr schmerzt, dass der Fahrer, der Unfallverursacher, nicht bei dieser Zeremonie anwesend sein könnte. Sie haben dann einen Vertreter akzeptiert.

Tierärzte ohne Grenzen: Was nimmst du für dich selbst und dein weiteres Leben aus den Erfahrungen im RRP mit? Hat dich die Zeit im Sudan persönlich verändert?

Elisabeth Hartwig: Für mich war die Erfahrung, in einem Camp separiert von der Bevölkerung zu leben, völlig neu. Wir als Team haben versucht, dieser Segregation entgegen zu wirken – und sind dabei vielleicht sehr unkonventionelle Wege gegangen. Wir haben unsere counterparts, vor allem die Vertreter der Regierung und Administration einschließlich der traditionellen chiefs immer informell besucht und alle Informationen mit ihnen geteilt.

Mir ist auch die Bedeutung von Bemühungen um Konfliktmanagement in Post-Kriegs-Gesellschaften eindrücklich klar geworden.