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29.08.2011 | News

„Wer unseren Tieren hilft, hilft uns“. Die Arbeit von Tierärzte ohne Grenzen e.V. in Somalia

Dr. Klaus Lorenz, Vorstandsmitglied von Tierärzte ohne Grenzen, hat im Herbst 2010 einige der Projekte in Somalia besucht und seine Erlebnisse in diesem Reisebericht zusammengefasst.

Milchmarkthalle in Galkayo

Die zwölfsitzige Dornier 228 setzt zur Landung an. Nach ca. sechsstündigem Flug mit Umsteigen in Hargeisa/Somaliland erreicht der kleine ECHO-Flieger aus Nairobi Garowe, die Hauptstadt des somalischen Teilstaates Puntland. ECHO bedeutet „European Commission Humanitarian Aid and Civil Protection“ und diese Flüge wurden vom humanitären Hilfsprogramm der Europäischen Union eingerichtet, um Regionen zu erreichen, die von kommerziellen Flügen nicht angesteuert werden.
Ich reise in Begleitung von Dr. Asili Barre Dirie, die als Landesrepräsentantin für Somalia die dortigen Einsätze von Tierärzte ohne Grenzen e.V. (ToG) koordiniert. Asili, wie sie überall genannt wird, ist als Somalierin mit deutschem Pass die ideale Besetzung für diesen Job, in dem der Erfolg oft davon abhängt, dass es gelingt, Brücken zwischen den Kulturkreisen zu bauen. Somalia hat in den letzten Jahren in der Arbeit von ToG erheblich an Bedeutung gewonnen. In nur wenigen Ländern der Welt hängen wohl so große Teile der Bevölkerung so einseitig von der Viehhaltung in nomadischen und halbnomadischen Systemen ab, wie in Somalia. Für die Menschen in dieser kargen Landschaft sind Ziegen, Schafe und Kamele die Lebensgrundlage. Da das Land zudem seit Anfang der Neunziger Jahre politisch nicht zur Ruhe kommt, wird Hilfe allerorten dringend benötigt.
Der Flughafen von Garowe besteht aus einer unbefestigten Piste in der Halbwüste. Die Flughafengebäude beschränken sich auf einen provisorischen Unterstand für die Beamten der Grenzkontrolle sowie auf einen Container. Kaum dass wir die Maschine verlassen haben, werden wir von Angehörigen der „Special Protection Unit“ (SPU) in Empfang genommen. Diese Einheit wurde vor einigen Jahren als Reaktion auf Entführungen von Ausländern gegründet und unsere sechs bewaffneten Begleiter werden uns nun während unseres gesamten Aufenthaltes nicht von der Seite weichen. Die auch im Norden Somalias noch immer angespannte Sicherheitslage stellt eine besondere Herausforderung für unsere Mitarbeiter vor Ort dar und erfordert besondere Vorkehrungen. Die speziell gesicherten und streng bewachten Quartiere von ToG in Somalia werden grundsätzlich nur im Fahrzeug und nur mit einem Begleitfahrzeug der SPU verlassen. Nach 17.00 Uhr herrscht komplette „Ausgangssperre“. Diese Situation führt dazu, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von ToG mangels Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung faktisch an sieben Tagen in der Woche arbeiten. Alle sechs Wochen kann dann zum Ausgleich eine einwöchige Erholungspause in Nairobi eingelegt werden.
Das örtliche Hauptquartier von ToG befindet sich in einem ehemaligen Wohnhaus auf einem ummauerten Gelände am Rande der Stadt. Hier geht der Tag bei ersten Gesprächen über die Lage in Somalia und die Projekte von ToG bald zu Ende.

Im Konvoi nach Galkayo

Am nächsten Morgen geht es in aller Frühe los. Wenn man um 5.00 Uhr bereits auf der Straße ist, hat man einen guten Teil des Tagesgeschäfts schon vor der Mittagshitze erledigt und Überlandfahrten zu dieser Tageszeit gelten zudem als sicherer. Im Konvoi mit drei Fahrzeugen machen wir uns auf den Weg ins 260 km entfernte Galkayo in Zentralsomalia. Dort wollen wir u. a. Markthallen für Milch und Fleisch besichtigen, die im Rahmen des von ToG implementierten EU-geförderten SALES-Projektes (SALES = Supporting Activities of Livestock Entrepreneurs) errichtet wurden (siehe Foto). Unterwegs werden wir noch Zwischenstopps bei unseren Impfteams einlegen, die im Rahmen des ebenfalls von der EU in Kooperation mit AU-IBAR (African Union/Interafrican Bureau for Animal Resources) geförderten LEISOM-Projektes (LEISOM = „Livestock Emergency Intervention to mitigate food crisis in Somalia“) Schafe und Ziegen gegen wirtschaftlich besonders bedeutende Kontaktseuchen impfen.
Bereits ca. eine Stunde nachdem wir Garowe verlassen haben, erreichen wir bei Har Har eines von insgesamt sieben Impfteams, die in ganz Puntland im Einsatz sind. Der örtliche „Chief“ begrüßt uns herzlich. Unser Impfteam ist erstmals in dieser Gegend und wurde bereits sehnlich erwartet. Schaf- und Ziegenpocken sowie die Lungenseuche der Ziegen („contagious caprine pleuropneumonia“, CCPP) sind traditionell weit verbreitet und verursachen große Schäden bzw. Verluste. Seit Kurzem ist nun auch die Pest der kleinen Wiederkäuer („pest des petits ruminants“, PPR) in der Region aufgetreten und hat zu dramatischen Tierverlusten geführt. Wie vielerorts in Somalia gibt es auch hier weder eine staatliche noch eine private Veterinärversorgung, sodass die Tierhalter mit den Problemen weitgehend auf sich allein gestellt sind. Die Impfkampagnen von ToG (siehe Foto) haben sich daher schnell herumgesprochen und der große Zuspruch ist der beste Beleg dafür, dass unsere Aktivitäten einen tatsächlichen Bedarf decken. Stolz präsentiert mir der Leiter des Impfteams, Nur Farah Jama, die Zahlen der letzten Woche, in der knapp 20000 Schafe und Ziegen gegen Pocken und knapp 15000 Ziegen gegen CCPP geimpft wurden. Heute wird diese Zahl weiter steigen.

[...]

Gespräche mit der Zielgruppe

Wir setzen unseren Weg nach Galkayo fort und legen eine kurze Pause in Burtinle ein. Nach einem Frühstück aus Kamelfleisch und dem typischen, stark gewürzten und extrem süßen somalischen Tee, geht es weiter Richtung Süden. In Baadweyn treffen wir ein weiteres Impfteam, das gerade eine Versammlung mit Tierhaltern durchführt, um über die geplanten Aktivitäten zu informieren (siehe Foto). Für uns eine gute Gelegenheit, Informationen aus erster Hand über die Situation vor Ort zu erhalten. Auch hier ein ähnliches Bild wie am Morgen: Es gibt große Probleme mit CCPP und PPR. Die Krankheiten treten nach Auskunft der Tierhalter besonders dann auf, wenn Tiere aus anderen Regionen nach ergiebigen Regenfällen zuwandern. Dies entspricht dem klassischen Verbreitungsmuster dieser Kontaktseuchen, bei deren Ausbreitung Tierbewegungen stets eine entscheidende Rolle spielen. Die Versammlung lässt uns wissen, dass es auch bezüglich anderer Tiergesundheitsprobleme, z. B. Ektoparasitenbekämpfung, großen Bedarf an Unterstützung gebe, zumal es auch in dieser Gegend keinerlei Veterinärversorgung gibt. Dementsprechend bittet man uns, sogenannte „community animal health workers“ (Tiergesundheitshelfer) auszubilden, die vielerorts in Afrika eine Basistiergesundheitsversorgung sicherstellen. Außerdem wird der Wunsch geäußert, dass unser Impfteam länger als geplant in der Gegend bleibt.

Vermarktung von Milch und Fleisch

Gegen 12.30 Uhr erreichen wir schließlich Galkayo, den südlichsten Punkt in Somalia, den man als Ausländer bei entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen erreichen kann. Bereits der Süden der Stadt gilt als „no go area“, da er von einem Clan beherrscht wird, der mit den Islamisten paktiert.
Bevor wir in die Stadt hineinfahren, besichtigen wir noch den kleinen Schlachthof am Stadtrand, der gemeinsam von ToG und der Partnerorganisation VSF-Suisse gebaut wurde.
Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Markt. Zunächst besuchen wir die besagte Markthalle für Milch. Wir werden mit großem Jubel von den Frauen, die dort die Milch verkaufen, begrüßt. Sie müssen nun nicht mehr am Straßenrand in der Tageshitze ihre Milch zum Verkauf anbieten, sondern können dies an 40 gekachelten Verkaufsständen in der Markthale unter deutlich besseren hygienischen Bedingungen tun.
Die Errichtung der Markthalle wurde begleitet durch Hygieneschulungen sowie durch eine Aufklärungskampagne gegen den Einsatz der allgemein üblichen Kunststoffkanister zum Transport und zur Lagerung von Milch. Diese lassen sich nämlich nicht wirksam reinigen und sind bereits nach kurzer Zeit auf der Innenseite von einem Bakterienrasen überzogen, der häufig zu einem schnellen Verderb der Milch führt und generell als erhebliches Hygienerisiko eingestuft werden muss. ToG hat als Alternative Aluminiumkannen eingeführt, die sich gut reinigen lassen und eine lange Lebensdauer haben (siehe Foto). Zum Abschluss unseres Besuchs werde ich gebeten, vor der Markthalle einen Niembaum („Neem“) als zukünftigen Schattenspender zu pflanzen (siehe Foto). Das kleine Bäumchen wird dann sofort durch eine Stacheldrahtumzäunung vor den allzeit hungrigen Ziegen geschützt.
Nach dem Besuch der Milchhalle steht noch die Besichtigung der ebenfalls von ToG und VSF-Suisse gebauten Markthalle für Fleisch an. Auch hier geht es um eine verbesserte Hygiene bei der Fleischvermarktung und auch hier wurde das Programm von entsprechenden Hygieneschulungen begleitet. Dass nun das Fleisch in einem mit Ventilatoren ausgestatteten Raum auf gekachelten Verkaufsständen bzw. an leicht zu reinigenden Edelstahlhaken zum Verkauf angeboten werden kann, ist ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zur Alltagspraxis in den meisten Regionen Afrikas. Seit dem frühen Morgen wurde an diesem Tag das Fleisch von ca. 100 Ziegen bis zum Zeitpunkt unseres Besuchs gegen 15.00 Uhr fast restlos verkauft. Nur an einem einzigen Stand finden wir noch ein wenig Restware.
Am nächsten Morgen geht es zurück nach Garowe. Als wir Galkayo verlassen, passieren wir endlose Kolonnen von LKWs, die aus Sicherheitsgründen während der Nacht nicht in die Stadt einfahren durften und sich nun an den Schlagbäumen stauen.

Besuch im „Nugaal valley“

In Garowe angekommen machen wir uns am Nachmittag auf den Weg ins „Nugaal valley“, einer weiten Ebene östlich der Stadt, die über die Straße nach Eyl zu erreichen ist. Die Region ist ein Zentrum der Viehhaltung in Puntland, aber auch zahlreiche Wildtiere haben hier offenbar ihr Auskommen. So sehen wir Warzenschweine, die unbesorgt am helllichten Tag zwischen den Kamelen der Nomaden herumspazieren, da sie im muslimischen Somalia keine Wilderer zu fürchten haben. Aber auch mehrere Kleingruppen der seltenen endemischen Spekes-Gazellen (Gazella spekei) treffen wir zu unserer großen Freude. Über ihren Status ist wenig bekannt, seit Somalia vor zwanzig Jahren im politischen Chaos versunken ist und verlässliche Erhebungen nicht mehr möglich waren.
Unser eigentliches Ziel ist jedoch die Schafherde des regionalen Clanchefs, die kürzlich in unsere Impfkampagne einbezogen war. Von dort erhielten wir nämlich Berichte über eine rätselhafte Erkrankung bei Lämmern, die nur in dieser Region aufzutreten scheint. Die Tiere zeigen eine typische, ausgeprägte Hinterhandschwäche in Verbindung mit einer Depigmentierung des Haarkleides. Das klinische Bild, das wir auch vor Ort begutachten können, legt den Verdacht nahe, dass hier ein Kupfermangel zugrunde liegt. Die genauen epidemiologischen Zusammenhänge wären jedoch noch aufzuklären, etwa die Frage, ob es sich um einen primären oder um einen sekundären Mangel handelt.
Der nächste Tag beginnt mit einem typisch somalischen Frühstück aus Ziegenleber und dem bereits erwähnten Tee. Danach nehmen wir an der Auftaktveranstaltung zur zweiten Phase des von der FAO (Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen) durchgeführten Projektes zur Förderung der Fleischwirtschaft in Somalia teil, bei dem ToG voraussichtlich eine Komponente zur Verwertung von Nebenprodukten übernehmen wird. Das Projekt ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Somalia Lebendvieh in großer Stückzahl v. a. auf die arabische Halbinsel exportiert. Tatsächlich ist Somalia einer der größten Schlachttierexporteure der Welt. Sowohl aus der Perspektive somalischer Wirtschaftsinteressen als auch im Hinblick auf den Tierschutz und im Sinne der Verhütung der Verbreitung von Tierseuchen wäre ein Export von Fleisch dem Verbringen lebender Tiere vorzuziehen. Dafür soll das besagte Projekt den Weg ebnen bzw. die Voraussetzungen schaffen.
Nach einem viertägigen Aufenthalt in Somalia geht es schließlich wieder mit einem ECHO-Flug über drei Zwischenstationen zurück nach Nairobi. Auf dem Flug erinnere ich mich der Worte des Bürgermeisters von Baadweyn, die auf wohl kaum ein afrikanisches Land so sehr zutreffen, wie auf Somalia: „Wir haben nur unsere Tiere. Wer unseren Tieren hilft, hilft uns.“

Dr. Klaus Lorenz, Fachtierarzt für Tropenveterinärmedizin, Mitglied des Vorstands von Tierärzte ohne Grenzen e.V.

(Quelle: DTBl. 8/2011 S. 1012-1018)

 

Impfung gegen CCPP

Dr. Klaus Lorenz (2. v. r.) und Dr. Asili Barre Dirie (ganz rechts) bei einer Informationsveranstaltung mit Tierhaltern in Baadweyn.

Aluminiummilchkannen und traditionelle Milchgefäße auf dem Milchmarkt von Galkayo.

Dr. Klaus Lorenz beim Pflanzen des Neem-Baumes