29.08.2011 | News

Dürrekatastrophe in Ostafrika: Überleben unzähliger Menschen hängt von ihren Viehherden ab

Während der aktuellen Dürrekatastrophe am Horn von Afrika ist die Wichtigkeit der Viehhaltung für das Überleben der Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Tierärzte ohne Grenzen e.V. engagiert sich bereits seit 1991 dafür, die Menschen in Ostafrika in ihrer Nutztierhaltung bestmöglich zu unterstützen. Was sind die Hintergründe unserer Arbeit?

24 Millionen Menschen in Ostafrika leben von der Viehhaltung. Viele von ihnen sind Nomaden oder Halbnomaden. Sie wandern mit ihren Herden saisonal dorthin, wo es genügend Wasser und Weide gibt und gewinnen so dem kargen Land das Nötigste zum Überleben ab. Diese Lebensform des nomadischen Pastoralismus (von lateinisch „pastor“ = Hirte) wird meist in Gebieten genutzt, wo nicht genug Niederschlag fällt, um Ackerbau betreiben zu können: dazu sind mindestens 300 mm Niederschlag / Jahr notwendig. Pastoralismus gilt als die nachhaltigste Nutzungsform für diese trockenen Regionen. Viele Menschen in Ostafrika betreiben sie seit hunderten von Jahren und haben in dieser Zeit Anpassungsstrategien entwickelt, um auch Dürrezeiten zu überstehen. In der Jahrhundertdürre am Horn von Afrika greifen diese jedoch nicht mehr. Aufgrund von Wasser- und Weidemangel sterben massenweise Schafe, Ziegen und Rinder, die Viehhalter verlieren ihre Lebensgrundlage. Im schlimmsten Fall verhungern die Menschen.

Organisationen wie die Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) weisen darauf hin, dass die Erhaltung der Herden als Lebensgrundlage der Menschen sowohl für die kurz- als auch für die mittel- und langfristige Hilfe eine zentrale Rolle spielen muss. Ergänzende Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass die Menschen in ihrem Umfeld bleiben und nach der Katastrophe die Herden wieder aufbauen können. Als konkrete Hilfsmaßnahmen nennt die FAO in ihrem Bericht vom International Meeting am 18.08.2011 in Rom unter anderem Tiergesundheitsmaßnahmen in Form von Massenimpfungen, Erhaltung der Bewegungsfreiheit für Menschen und Herden, sowie „commercial destocking“, also Verkleinerung der Herden durch Verkauf der Tiere. Ein Schwerpunkt soll darauf liegen, Aktivitäten von Frauen zu unterstützen, z.B. bei der Zucht von Milch produzierenden Tieren. Darüber hinaus sollen den Menschen langfristig Möglichkeiten gegeben werden, sich alternative Lebensgrundlagen zu schaffen. Sie sollen durch landwirtschaftliche Aktivitäten kleineren Umfangs unterstützt werden, soweit die klimatischen Umstände dies zulassen (z.B. Gemüse- und Getreideanbau in Flussbetten während der Trockenzeit).

Genau in diesen Bereichen ist Tierärzte ohne Grenzen e.V. seit Jahren in Ostafrika tätig. Unter dem Motto „Wenn Tiere Leben bedeuten“ engagiert sich die Organisation für Menschen, die von der Nutztierhaltung leben. Neben dem Sudan zählen Kenia, Äthiopien und Somalia zu den Projektgebieten. Warum ist diese Arbeit grundsätzlich notwendig, und zwar nicht nur als Reaktion auf die akute Notlage, sondern langfristig? Weil die nomadischen Hirtenvölker in vielen Regionen Ostafrikas grundsätzlich vielfältigen Herausforderungen gegenüberstehen, die ihre Existenz unmittelbar bedrohen. Das sind zum einen Tierkrankheiten, die die Viehbestände, aber auch die Gesundheit der Menschen gefährden. Zoonosen wie Tuberkulose, Brucellose, Tollwut und Bandwürmer sind weit verbreitet. In Ländern, in denen die grundlegende Infrastruktur fehlt, um tiermedizinische Dienstleistungen zu gewährleisten, bedeutet das eine ernste Bedrohung von Gesundheit und Existenz. Dazu kommen die Folgen des Klimawandels, durch die das Wetter schon seit Jahren immer unberechenbarer und extremer wird. Dürreperioden treten häufiger und intensiver auf als früher. Ganze Herden verdursten während der großen Trockenheit. Tiere, die durch anhaltende Dürre geschwächt sind, werden anfälliger für Krankheiten. Die Menschen verlieren durch den Tod der Tiere ihre Lebensgrundlage und suchen Zuflucht in den Städten, wo sie meist nur schlimmere Armut und der Verlust ihrer sozialen Gefüge erwartet. Auch Kriege oder Bürgerkriege sowie teils bewaffnete Konflikte um Weideplätze und Wasserstellen können die traditionelle Lebensweise gefährden. All dies ist für viele Viehhalter Alltag, und das nicht erst seit der Jahrhundertdürre, die zurzeit von den Medien so viel Aufmerksamkeit erfährt.

Einen Einblick in den Alltag von Viehhaltern in Somalia vor der Dürrekatastrophe gibt uns Faiza Mohamed Nur, mit der eine Mitarbeiterin von Tierärzte ohne Grenzen Anfang 2011 gesprochen hat. Die 35-Jährige ist vor dem Krieg aus Mogadischu geflohen. Sie lebt seitdem mit ihren acht Kindern in Waberi, Puntland. Weil sie alleinstehend ist, muss sie ihre Familie allein durchbringen. Faiza kämpft täglich um das Überleben. Um ein kleines Einkommen zu erzielen, verkauft sie selbst gemachte Sesamklöße. Im Rahmen eines Projekts von Tierärzte ohne Grenzen hat Faiza fünf trächtige Ziegen erhalten. Sie hat die Ziegen zu ihrer Mutter gebracht, weil sie selbst keinen Platz hat, um sie unterzustellen, und kein Geld, um eine Umzäunung zu bauen. Faiza ist sehr glücklich über die Unterstützung, die sie von Tierärzte ohne Grenzen erhalten hat. Dank der tiermedizinischen Versorgung sind alle ihre Ziegen gesund. Faiza hofft, eines Tages von ihrer Herde leben zu können, indem sie die Milch und das Fleisch der Tiere verkauft. Die Milch der Ziegen ist schon heute eine wichtige Verbesserung für die Ernährung ihrer Kinder. Menschen wie Faiza Mohamed Nur eine stabile Existenzgrundlage zu sichern und ihnen ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben im Einklang mit ihren Tieren und der Natur zu ermöglichen, ist seit 1991 das Ziel von Tierärzte ohne Grenzen.

In akuten Notlagen wie der derzeitigen Dürrekatastrophe ergreift Tierärzte ohne Grenzen e.V. kurzfristige Hilfsmaßnahmen wie z.B. Wasserlieferungen: Mit Lastwagen bringen wir das Wasser zu den Menschen und Tieren, wo sie noch Weide finden. In einigen unserer Projekte werden so genannte „Cash-for-Work“-Maßnahmen durchgeführt. Bei diesem Ansatz erhalten Menschen für geleistete Arbeit einen Tageslohn (ca. 3 Euro/Tag) und oft auch eine warme Mahlzeit. Die Menschen verwenden ihren Lohn z. B. für Essen, für die medizinische Versorgung oder Kleidung. Die Arbeiten sind in der Regel Gemeinschaftsprojekte, beispielsweise die Entsandung von Wasserstellen oder die Instandsetzung von Schulen oder Straßen. Solche Maßnahmen sind besonders nach Naturkatastrophen oder in Zeiten von akutem Nahrungsmangel sinnvoll. Die Betroffenen werden mit einbezogen, sie können selbst aktiv werden, statt durch reine Nahrungsmittelhilfe in eine Bittstellerposition gedrängt zu werden. Zusätzlich tun sie etwas Nützliches, das ihnen und ihrer Gemeinde direkt zugute kommt. Auch die lokale Wirtschaft wird durch „Cash-for-Work“-Maßnahmen gestärkt, denn mit dem erhaltenen Lohn können sich die Menschen vor Ort Lebensmittel kaufen, statt auf importierte Nahrung zurückgreifen zu müssen. Während einer akuten Dürresituation ist auch die Verringerung der Herdengröße durch Schlachtungen wichtig. Tiere werden gekauft, geschlachtet und deren Fleisch an Bedürftige verteilt. Nur die Zuchttiere werden zurückbehalten. Mit ihnen kann später die Herde wieder aufgebaut werden. Das hat zwei Vorteile: Zum einen verhilft es den Menschen kurzfristig zu Nahrung und Einkommen. Zum anderen besteht ein geringerer Wasser- und Weidebedarf, wenn weniger Tiere um diese Ressourcen konkurrieren. Tierärzte ohne Grenzen e.V. hilft sowohl akut als auch langfristig, die Tiere gesund zu halten, etwa mit Massenimpfungen und Entwurmungen, damit die Tiere kräftiger sind und besser gegen Krankheiten geschützt sind. In einigen Regionen Somalias führen wir bereits seit Anfang 2011 solche akuten Hilfsaktivitäten durch, als sich das Ausmaß der Dürre bereits abzuzeichnen begann.

Langfristig arbeitet Tierärzte ohne Grenzen e.V. in Somalia und anderen Ländern Ostafrikas daran, die Menschen in ihrer Viehhaltung zu unterstützen, ihnen jedoch daneben auch alternative Lebensgrundlagen zur Tierhaltung aufzeigen, um ihre Existenzgrundlage auf mehrere Säulen zu verteilen. Für die langfristige und nachhaltige tiergesundheitliche Betreuung des Viehbestandes bilden wir vor Ort Tiergesundheitshelfer aus. Wir stärken Vermarktungsmöglichkeiten durch Verbesserung der Infrastruktur (Laderampen, Wasserstellen; Marktplätze) und Reparatur der Straßenverbindungen zu Märkten. Wir bauen Schlachthäuser und Markthallen, um eine verbesserte Hygiene bei Schlachtung und Verkauf zu ermöglichen. Für qualitativ hochwertigere Produkte erhalten die Menschen einen besseren Preis und steigern so ihr Einkommen. Wo dies möglich ist, versuchen wir durch die Verteilung von Saatgut und die Einführung einfacher Anbaumethoden den Menschen Ackerbau zu ermöglichen.

Im Norden Kenias, in den trockenen Regionen Turkana und Marsabit, haben wir in den letzten Jahren Erfahrungen darin sammeln können, wie Viehhalter der wiederkehrenden Bedrohung durch Dürre aktiv begegnen können: Ressourcenplanung zur noch effizienteren Nutzung von Weidegründen und Wasserstellen, Konfliktbearbeitung, um verfeindeten Stämmen eine gemeinsame, friedliche Nutzung knapper Ressourcen zu ermöglichen, Einführung von Frühwarnsystemen, Gründung von Spargruppen und Bau von Brunnen – all diese Maßnahmen helfen den Menschen langfristig. Die dort gesammelten, positiven Erfahrungen könnten wir in den kommenden Jahren auch in Somalia zum Nutzen der dort lebenden Viehhalter einsetzen.

In Somalia ist Tierärzte ohne Grenzen e.V. derzeit in folgenden Regionen tätig: Puntland (seit 2006), Somaliland (seit 2010) und Lower Juba (seit 2008). Tierärzte ohne Grenzen e.V. versucht, Gelder zu akquirieren, um sowohl im Süden Somalias als auch im Norden die Hilfsmaßnahmen zu verstärken. Näheres über unsere konkrete Unterstützung in Somalia und Hintergrundinformationen zur Lebensweise der somalischen Viehhalter finden Sie in den Artikeln von Kristin Resch und Dr. Klaus Lorenz. Beide sind Vorstandsmitglieder von Tierärzte ohne Grenzen e.V. und engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich für den Verein.

Tierärzte ohne Grenzen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein. Wir erhalten für unsere Projekte Gelder von privaten und öffentlichen Gebern, wie etwa der EU. Für fast alle Projekte müssen wir aber einen Teil der Kosten selbst tragen. Diesen decken wir mit Hilfe von Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

So können Sie konkret helfen:

Mit 70 € kann Tierärzte ohne Grenzen eine Familie einen Monat lang mit Wasser versorgen.

Tiergesundheitsmaßnahmen für die Herde einer Familie kosten 10 €. Tiere werden gegen infektiöse Krankheiten geimpft: (CCPP = kontagiöse Caprine Pleuro-Pneumonie); PPR (Peste des Petits Ruminants); Schaf- und Ziegenpocken sind bei kleinen Wiederkäuern die größten Probleme. Die Maßnahmen zur Tiergesundheit umfassen auch eine Entwurmung sowie die Behandlung kranker Tiere.

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Ihre Spende kommt bei den Menschen an. Das garantiert das dzi-Spendensiegel, das Tierärzte ohne Grenzen e.V. bereits seit 2005 trägt. Dafür prüft das Deutsche Sozialinstitut für Soziale Fragen (dzi) jährlich die effiziente Mittelverwendung des Vereins, u.a. auf Grundlage des Berichts einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.